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Neuralink: Wird die Vision vom Cyborg Realität?

Elon Musk hat im Spätsommer einen Prototyp seines Unternehmens Neuralink vorgestellt: einen Gehirnchip, der Kranke heilen und Telepathie ermöglichen soll. Klingt erstmal spitze, findet //next-Kolumnist Markus Sekulla. Aber ist das schon alles – und welche Ziele verfolgt Musk auf lange Sicht? Der Tesla-Chef hatte den Protypen zunächst Schweinen implantiert. Heute, 2020, deutet alles auf einen Spagat zwischen real gewordenem Sci-Fi-Film und der nächsten Evolutionsstufe des Menschen hin. 

Schweinemastanlage

Blinde sehen ihre Umgebung plötzlich glasklar, gelähmte Patienten stehen auf und fangen an zu laufen, und psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Süchte lassen sich gezielter behandeln. Eine, auf den ersten Blick, utopische Zukunftsvision. Neuralink stellte Ende August in einer auffällig Corona-konformen Präsentation ihren weiterentwickelten Gehirnchip vor, die aus einer Vision Realität werden lässt – oder zumindest: lassen könnte.

Was bisher geschah

Das Start-up aus den USA stellte schon 2019 einen Prototyp des Gehirnchips der Öffentlichkeit vor. Das Design unterlief seitdem einer drastischen Veränderung. Damals noch über dem Ohr platziert, ist er heute ein Teil der Schädeldecke. Neuralink setzt dabei nicht auf Kabel oder große Funkeinheiten, sondern auf einen kleinen, 8 Millimeter dicken Funkchip mit einem Durchmesser von 23 Millimetern. Er soll Jahrzehnte im Gehirn verbleiben und sich über ein Induktionsverfahren am Kopf aufladen. Auf der im (deutschen) Netz sehr verhalten bewerteten Präsentation wurden erste Erfolge an bechippten Schweinen gezeigt, dazu aber später mehr.

Bevor es weiter geht, ein großes OMG: Einen Chip bei mir in den Körper einbauen? Klar, wir haben von anderen Verbesserungen bereits gehört – einem Defibrillator etwa oder meinetwegen auch von RFID-Chips unter der Haut. Aber ein Chip, der direkt in die Schädeldecke kommt und mit ein paar Drähten beim mir im Kopf rumfuchtelt? Ich weiß nicht, wie viele Menschen dafür bereit wären! Warum aber sehen wir das so dystopisch? Betrachtet man das mal auf der psychologischen Ebene, haben wir Angst, man könnte uns darüber fremdbestimmen oder uns unsere Erinnerungen / Geheimnisse entlocken. Unsere Gedanken wären nicht mehr so frei – und natürlich weckt das Unbehagen und Misstrauen in uns. Wie weit Neuralink solche Ziele verfolgen würde, bleibt in der aktuellen Presse-Präsentation offen, diese dient laut Musk vor allem der Mitarbeitergewinnung.

 

Der Chip als Wearable

Wissen hilft gegen Ängste. Also schauen wir uns den Chip genauer an.

Bei dem Prototypen handelt es sich um einen implantierten Chip, der als Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer fungiert. Eine Technologie, die auf den ersten Blick keine Neuerung darstellt. Bei Parkinson-Patienten sind Hirnschrittmacher schon seit Jahren ein probates Mittel zur Behandlung von Zitteranfällen oder vollkommener Bewegungsstarre. Auch Sprachprobleme lassen sich damit mildern.

Die Besonderheit bei Neuralink: Ziel sind die Optimierung und Weiterentwicklung solcher schon bestehender Technologien. Zum Einsatz kommen sehr feine und flexible Kunststoffdrähte, die 1.024 Elektroden enthalten. Sie nehmen die elektrischen Signale der Nerven wahr oder geben selbst elektrische Impulse ab, um die Nervenzellen zu stimulieren. Elon Musk vergleicht es in seiner Präsentation mit einer Fitbit – nur eben mit feinen Drähten im Kopf.

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal sind die eigens hergestellten OP-Roboter. In einer rund einstündigen, minimalinvasiven Operation öffnen sie die Schädeldecke und setzen den Chip ein. Die Elektroden werden einzeln positioniert und implantiert. Die Roboter arbeiten dabei besonders präzise. Sie sind darauf programmiert, die Blutgefäße im Gehirn zu erkennen und zu vermeiden.

Alles quietschfiedel?

Elon Musk entschied sich bei seiner Versuchsreihe für Schweine. Sie bekamen den Prototyp eingepflanzt, der direkt mit der Schnauze der Tiere verbunden ist. Im Mittelpunkt der Präsentation stand das Schwein Gertrude. Berührte sie mit ihrer Schnauze – dem für ihren Tastsinn wesentlichsten Organ – ein Objekt in ihrem Umfeld, wurden die Nervenimpulse für die Forscher am Computer sicht- und hörbar. Sie konnten damit bestimmen, welche Neuronen gerade im Schweinehirn aktiv sind. All das geschieht durch die kabellose Bluetooth-Verbindung und kann dann auf alltagsüblichen Devices wie etwa Smartphones angezeigt werden

Der Versuch an Schweinen ist jedoch nur der erste Schritt. Als nächstes plant Neuralink eine Versuchsreihe an Menschen. Der US-Arzneimittelbehörde FDA kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Sie hat inzwischen eine Versuchserlaubnis im Rahmen des sogenannten Breakthrough Device erteilt. Die Forscher dürfen mit dieser Erlaubnis die medizinischen Tests an Menschen schon viel eher durchführen, als es in einem normalen Verfahren vorgesehen ist.

Wenn ihr euch für die Präsentation interessiert, dann könnt ihr diese hier auf YouTube anschauen:

Elon Musk präsentiert Neuralink

 

Gestern, heute und morgen – die Zukunftsversion von Neuralink

Der Chip soll zunächst nur bei neurologischen Erkrankungen oder bei Rückenmarksverletzungen zum Einsatz kommen. Die Wiederherstellung der Bewegungsfreiheit hat für das Forscherteam die höchste Priorität. Der langfristige Plan umfasst jedoch die Heilung verschiedenster Krankheiten und sogar die Nutzung von telepathischen Fähigkeiten. Menschen sollen laut Musk miteinander ihre Gedanken teilen können, ohne sie offen aussprechen zu müssen. Erinnerungen sollen konservierbar und transferierbar sein.

Wie die Zukunft aussehen wird, weiß niemand. Aber zumindest hat Elon Musk davon schon ganz konkrete Vorstellungen. Menschen müssen demnach ihre Gehirne mit Computern verknüpfen, um mit der kommenden künstlichen Intelligenz mithalten zu können.

Status Quo

Der Funkchip mag zwar der nächste Schritt in ein futuristisches Szenario sein, es ist aber keine vollkommen neue Technologie. So waren viele Beobachter – etwa Wissenschaftler – eher verhalten in der Reaktion. 

Zu Gute halten muss man Neuralink, dass ihre Versuche schon sehr ausgereift wirken: Nervensignale lassen sich dank kabelloser Verbindung leichter übertragen, sind über die Smartphone-App nachvollziehbar – und der Aufwand und das damit verbundene Risiko der OP sind für den zukünftigen Patienten gering. Die Kosten für eine Operation bewegen sich derzeit aber noch in Millionenhöhe.

Eine wichtige Frage müssen wir aber stellen: Wie lassen sich die gemessenen und hörbaren Nervenimpulse sinnvoll interpretieren? Diese Antwort ist Elon Musk uns leider schuldig geblieben. Ebenso sind Versuche am Menschen bisher noch nicht existent. Ein weiteres Manko: Die Präsentation befasste sich eher mit dem neuen Design und nicht mit bewiesenen Vorteilen für Tiere und schlussendlich menschliche Patienten. Einige liegen gesundheitlich auf der Hand und wurden daher auch direkt als erste Priorität ausgegeben. 

tl;dr ? Dann hier ein Ausblick! 

Neuralink hat das Potenzial, die Menschheit zu verändern. Nicht zuletzt durch Elon Musk, der spätestens seit Tesla niemandem mehr diese Fähigkeit beweisen muss. Der Funkchip ist ein permanentes Wearable, das Menschen im Alltag unterstützt oder sogar von ihren Erkrankungen heilen kann. Elon Musk stellte dazu in seiner Live-Präsentation einige Ideen und Einsatzmöglichkeiten vor. Blindheit, Lähmungen oder andere Einschränkungen könnten mit diesem Durchbruch der Vergangenheit angehören.

Vieles davon scheint jedoch noch in weiter Ferne zu sein. Fragwürdig ist außerdem, ob seine Vision von Erinnerungstransfers in andere Körper oder gar Roboter umsetzbar ist. Ganz zu schweigen von telepathischer Kommunikation! Also sitzen wir irgendwann zusammen in einem Café und reden nicht miteinander, sondern telepathieren Gedanken beim Kaffee? Nee, lass mal :)

Text: Markus Sekulla