Digital Health

„Im Gesundheitsbereich ist KI bereits ein Game-Changer“ 

Als Experte für künstliche Intelligenz (KI) und Big Data kämpft Bart de Witte dafür, dass Patientendaten im Geiste der Solidarität und zum Wohle der Allgemeinheit geteilt werden. In diesem Long-read-Interview mit //next-Kolumnist Markus Sekulla erzählt Bart, welche Auswirkungen KI auf das Gesundheitswesen haben kann – und was getan werden muss, um KI für eine bessere Zukunft zu demokratisieren.

Bart de Witte

Hallo, Bart! Ich habe dich im Mai 2022 live auf der digitalen Bühne bei HEALTH X INSURANCE gesehen und war begeistert von deinen Ideen und Meinungen zu KI und von deinem Plädoyer für Open Source im Gesundheitssektor. Meine erste Frage: Wer bist du? 

Ich bin in einer technologisch sehr fortschrittlichen Familie aufgewachsen. Mein Vater war Unternehmer und hatte schon sehr früh Zugang zu Computern in seiner Firma. Ich glaube, es war 1984, als IBM seinen ersten tragbaren Computer herausbrachte. Und das war auch das erste Mal, dass mein Vater einen Rechner mit nach Hause brachte. So hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit, Computer zu erleben und mit ihnen rumzuspielen. Das war damals unglaublich aufregend.

Ich war völlig fasziniert von Computern und begann mit der Programmierung in BASIC, dann Pascal und später Assembler. Wir gehörten 1990 zu den ersten Nutzern von CompuServe, einem Vorläufer des Internets. Das war für mich eine sehr frühe Gelegenheit, mit der (damals) modernsten Technologie in Berührung zu kommen, und die hat mein ganzes Leben verändert. Außerdem förderte es meine Neugierde und ermöglichte es mir, mit Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt zu treten und neue Dinge zu lernen. Heute weiß ich, dass es ebenfalls sehr wichtig ist, Dinge zu verlernen ...


War es diese Neugier, die dich in auch die Welt der KI geführt hat?

Ich glaube, es lag daran, dass ich in den 1980er Jahren Zugang zu Computern hatte, als Computerspiele auf dem ersten Höhepunkt ihrer Entwicklung waren. Ich bin in einer sehr abgelegenen Gegend in der Nähe von Antwerpen in Belgien aufgewachsen. Ich hatte nicht viele Nachbarn, mit denen ich hätte spielen können. Und plötzlich hatte ich da einen Freund, mit dem ich mich messen konnte: ein Computerspiel. Und das fühlte sich an, als hätte ich einen Freund, nur eben einen künstlichen.

Während mein Onkel an Expertensystemen für belgische Banken arbeitete, schrieb ich in der Highschool eine Hausarbeit darüber, wie KI afrikanischen Ärzten helfen kann, bessere Diagnosen zu stellen. Das war 1989. Die Ironie ist, dass ich eine schlechte Note bekam, weil niemand zu verstehen schien, was KI eigentlich ist.

Später arbeitete ich bei SAP und IBM, wo ich Menschen kennenlernte, die maschinelles Lernen zur Analyse von Gesundheitsdaten einsetzten. Plötzlich hatten wir Zugang zu Rechenleistung, Techniken und Daten, die es uns ermöglichten, genau das zu tun, wovon ich in meiner Schularbeit sprach: nämlich medizinisches Wissen zu demokratisieren und an so gut wie jeden Ort auf der Welt zu bringen.

Für mich ist das Interessante an KI, dass es überall, wo ich hinkomme und über dieses Thema spreche, immer eine Person gibt, die es liebt – und eine, die es hasst. Es löst Euphorie aus – genau so, wie es Ängste schürt. Was denkst Du, warum ist das so? Warum haben wir so viel Angst vor KI?

Katharsis als medialer Ansatz funktioniert sehr gut. Mindestens drei Titelseiten des Spiegel-Magazins haben sich mit Robotern oder künstlicher Intelligenz befasst, die unsere Jobs übernehmen. Andere glaubten der Oxford-Studie von Frey und Osborne aus dem Jahr 2013, die vorhersagte, dass durch KI die Hälfte aller Berufe wegfallen würde. Viele andere Forscher und ich sind mit diesen Prognosen nicht einverstanden, da sie auf falschen Annahmen beruhen und eine verzerrte Vorstellung davon vermitteln, wie wir KI in der Gesellschaft einsetzen werden. Die Studie war schürte Wut, Angst und Aufregung: ideale Inhalte für Clickbait-Schlagzeilen, die unsere Aufmerksamkeitsökonomie bedienen. Medien verstärken Geschichten, um ihre Werbeeinnahmen zu steigern, die durch die Anzahl der Clicks, Likes und Shares angekurbelt werden.

Doch das Problem ist noch etwas größer: Wir brauchen positive Erzählungen (nicht nur) zu KI, die zu einer wünschenswerteren Zukunft führen. Welche Art von Zukunft wünschen wir uns für unsere Kinder und die Gesellschaft? Wünschen wir uns eine Zukunft, in der die Technologie uns befreit? Wollen wir globale Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung beseitigen, in denen der Ort meiner Geburt nicht mehr darüber entscheidet, ob ein Kind lebt oder stirbt, wenn es zum Beispiel eine seltene genetische Krankheit hat? Wollen wir, dass die Vorteile der KI in erster Linie der Gesellschaft zugutekommen oder den Konzernen?

Eines ist sicher: Wenn wir Barrieren um lebensrettende Erkenntnisse errichten, die von KI aus unseren Daten gewonnen werden, werden wir diese wünschenswerten Zukunftsszenarien nicht erreichen. Um voranzukommen, müssen wir die medizinische KI auf die gleiche Weise entwickeln, wie wir das Internet offen und für alle zugänglich machen wollten.

Der heutige Diskurs konzentriert sich zu sehr auf die Wirtschaft. Das Thema, das mich in den letzten Jahren beschäftigt hat, ist daher die Frage, wie wir den gesellschaftlichen Nutzen maximieren und gleichzeitig die wirtschaftlichen Möglichkeiten fördern können.

Was begeistert dich in deinem heutigen Tätigkeitsfeld am meisten an KI? 

Vereinfacht kann man sagen, dass KI in der Medizin auf zwei Arten funktioniert. Erstens erschließt sie das Wissen, das in unseren Datenbergen schlummert. Damit hilft sie bei der Beschleunigung von Forschung und Innovation. Im Gesundheitswesen kann dies zum Beispiel neue Behandlungen und Therapien bedeuten. Zweitens: Wenn wir KI nutzen, können wir sie fast überall einsetzen. Als ein Großteil unserer heutigen Technologien entwickelt wurden, folgten sie einem Gesetz, das als Moore'sches Gesetz bekannt ist. Jemand, der heute in Nigeria lebt, hat Zugang zu mehr Informationen als Präsident Clinton vor 15 Jahren. Und wenn er ein optisches 3D-Druckgerät einsetzt und einige Algorithmen des maschinellen Lernens verwendet, kann er HPV-Infektionen präziser erkennen als diejenigen, die Pap-Test und Zytologie fast umsonst verwenden. Das fasziniert mich vor allem an Technologie.

Offene und dezentralisierte Technologien haben uns alle befähigt. Stell dir vor, was passieren könnte, wenn wir die medizinische KI demokratisieren würden? Mich motiviert dieser Aspekt der Demokratisierung, denn er würde uns in die Lage versetzen, eine Gesellschaft ohne gesundheitliche Ungleichheiten aufzubauen und neue wirtschaftliche Wertebenen zu entwickeln, die auf einer Erfahrungsebene miteinander konkurrieren. Dies ist eine realistische Vision, denn die meisten Ungleichheiten beruhen auf Wissensasymmetrien.

Ein Beispiel war die Impfdiskussion bei Covid-19. Zu dem Zeitpunkt, als wir über unsere dritte Auffrischungsimpfung nachdachten, hatten nur fünf Prozent der Menschen auf dem afrikanischen Kontinent Zugang zu Impfungen. Erst vor kurzem haben Akademiker Open-Source-Impfungen für Länder mit niedrigem Einkommen veröffentlicht.


Wenn Du über die Gesundheitsbranche und KI nachdenkst: Wie kann KI zu einem echten Game-Changer in der Gesundheitsbranche werden?

Nun: KI ist bereits ein solcher Game-Changer! Ich glaube, auch BioNTech hat maschinelle Lernprotokolle verwendet, um den Impfstoff so schnell entwickeln zu können. Das maschinelle Lernen ist bereits ein unsichtbarer Teil unserer wissenschaftlichen und F&E-Ebene im Gesundheitswesen. Das ist nur für Leute wie dich und mich in diesem Sinne nicht sichtbar.

Die Medizin wird sich zu einer angewandten digitalen Biologie entwickeln. Das bedeutet, dass wir beginnen werden zu verstehen, wie komplexe menschliche Systeme auf molekularer Ebene funktionieren. Wir werden beginnen, die Sprache unserer eigenen Biologie zu begreifen. Was genau ist Krankheit? Woher kommt sie? Was geschieht auf molekularer Ebene? Warum bekommen wir zum Beispiel Krebs? Und wie können wir ihn auf molekularer Ebene heilen?

Wir sind uns der Antworten noch nicht sicher, da wir nur einen kleinen Teil der menschlichen Biologie verstehen. Die KI wird es uns ermöglichen, alle genetischen Ebenen, die gesamte Zellstruktur, die Art und Weise ihrer Kommunikation usw. zu verstehen. Die wichtigsten Entdeckungen der nächsten zehn Jahre werden alle im Bereich der digitalen und synthetischen Biologie liegen.

Warum ist das wichtig? Wir werden in der Lage sein, extrem früh einzugreifen, weil wir verstehen werden, welche Arten von Verhaltens-, Lebensstil- und Ernährungsanpassungen in einem Körper vorgenommen werden können. Oder wir werden in der Lage sein, mit bahnbrechenden biotechnologischen Therapien sehr früh zu handeln und behandeln. Letztendlich werden wir es vielleicht sogar schaffen, Krankheit auf bestimmte Weise abzuwenden. Einige Technikoptimisten glauben zudem, dass es möglich sein wird, den Alterungsprozess zu verlangsamen oder gar umzukehren.

Exklusivität wird bei zukünftigen medizinischen Fortschritten weniger ein Problem darstellen, da viele der Technologien, die für die Entwicklung und Herstellung dieser Produkte erforderlich sind, im Überfluss vorhanden sind. Dies bedeutet, dass sie dem Moore‘schen Gesetz folgen, das beschreibt, wie die Computertechnologie immer leistungsfähiger und gleichzeitig kostengünstiger geworden ist. Diese Technologien haben das Potenzial, Knappheit in vielen Branchen überflüssig zu machen, aber alles hängt von der wirtschaftlichen Grundlage ab, die wir rund um Daten und KI im Gesundheitswesen entwickeln.

Politisches Leadership hin zu einer nachhaltigeren und gerechteren Gesellschaft sowie das Aufbrechen hierarchischer Organisationen, um schneller von den Vorteilen dieser exponentiellen Technologien profitieren zu können, sind einige der Zutaten, die zu einer Kultur des Überflusses führen würden. Diese könnte es den Unternehmen sowie den Gesundheits- und Biowissenschaften ermöglichen, die gleichen Erfolgsrezepte wie die der digitalen Akteure zu entwickeln und anzuwenden: Schnelligkeit, Datenwissen und eine konsequente Ausrichtung auf den Patienten und Nutzer. Digitale Gesellschaften bieten neue Möglichkeiten, die Wertschöpfung an langfristigen Zielen auszurichten.

Das bestehende Paradigma, das auf künstlicher Knappheit beruht, ist ein Modell, das Ungerechtigkeit schafft und der WHO-Verfassung widerspricht, die die Gesundheitsversorgung zu einem zentralen Menschenrecht erklärt hat und zu einem der Ideale der neuen Generation geworden ist. Die Übernahme von Solidaritätsidealen und die Open-Source-Zusammenarbeit bei Daten und KI können uns helfen, diesen Planeten im Überfluss zu versorgen.


Hast du deshalb die Hippo AI Foundation ins Leben gerufen?

Ja, das ist meine Absicht. Die Foundation ist nach Hippokrates, dem Vater der modernen Medizin, benannt. Die modernen westlichen Wissenschaften, die in den 16/1700er Jahren begannen, waren offene Wissenschaften. Die Idee des offenen Zugangs stammt aus den medizinischen Wissenschaften, und die Ethik der medizinischen Wissenschaft hat ihren Ursprung in der griechischen Kultur, wobei Hippokrates den Grundstein gelegt hat.

Der ursprüngliche Eid des Hippokrates besagte, dass Ärzte ihr Wissen kostenlos und ohne finanziellen Gewinn weitergeben sollten. Infolgedessen wurde Open Source schon früh praktiziert. Aber es gab einen Unterschied. Es handelte sich nicht um eine vollständig offene Quelle, da sie zwar mit Kollegen, nicht aber mit Patienten geteilt werden durften. Ich habe mir diese Denkweise zu eigen gemacht und möchte mit ethischen Richtlinien den Grundstein dafür legen, dass Informationen, die wir aus Daten gewinnen, immer für alle zugänglich sind.

Eine Sache, die an der KI wirklich faszinierend ist: Wenn ein Autofahrer heute einen Unfall hat, lernt er, was er beim nächsten Mal tun muss, um ihn zu vermeiden. Wenn eine KI denselben Fehler macht, lernt nicht nur dieses Auto, sondern auch alle anderen Autos. Wenn man sich das Jahr 2030 anschaut: Gibt es dann irgendein Werkzeug, das mein Hausarzt bei seinem Besuch verwenden wird, um eine bessere Diagnose zu erhalten? 

In unserer westlichen Gesellschaft wird alles durch Politik und Anreize bestimmt. Mit den zunehmenden Möglichkeiten dieser Technologien kann der Allgemeinmediziner zu einer Art Superarzt werden. Man kann sogar so weit gehen, andere die Diagnosen stellen zu lassen. Warum gibt man diese mächtigen Werkzeuge nicht einem Apotheker oder einer Krankenschwester? Dies ist eine hitzige, aber wichtige Debatte. Denn die beste Diagnose ist eine, die jedem jederzeit und zu äußerst geringen Kosten zur Verfügung steht.

Corona hat die Tür für Selbsttests geöffnet und zu einer großen Zahl dezentraler Testzentren geführt. Dies war nur möglich, weil das Charité-Team um Christian Drosten das PCR-Testverfahren als nicht patentiertes offenes Protokoll veröffentlicht hat. Was wäre, wenn wir einen Schritt weitergehen und diese Art von Modellen zusammen mit Open-Source-KI enablen, um unsere Gesundheitssysteme bei der besseren Bereitstellung des Versorgungsangebots zu unterstützen?

Ich bin zuversichtlich, dass wir Zeugen einer bemerkenswerten Dienstleistungsinnovation werden würden, die zu weitaus besseren Erfahrungen führen wird, als sie das derzeitige System bietet. Um dieses Ziel zu erreichen, sollten wir vermeiden, dass Datenschranken und digitale “Knowledge-Kingdoms“ errichtet werden, die zu einem digitalen Gesundheitssystem führen, das nur einigen wenigen Tech-Feudalisten gehört. Wir müssen eine Grundlage schaffen, die auf den Idealen der Solidarität, Offenheit, Dezentralisierung und Demokratie beruht.

Im Jahr 2030 werden wir in der Lage sein, KI auf Daten anzuwenden, die von digitalen Werkzeugen oder digitalen Chatbots erzeugt werden, die von den Patienten genutzt werden. Vielleicht können wir uns selbst zu Hause testen und online mit digitalen Gesundheitsdienstleistern in Verbindung treten. Und vielleicht sind wir in der Lage, die Effizienzverbesserungen zu nutzen, um bei Bedarf mehr zwischenmenschlichen Kontakt herzustellen. Denn am Ende, wenn wir krank sind, werden neben der Entscheidungsfindung immer menschliche Berührung und Empathie eine große Rolle spielen.

Ein schönes Schlusswort, Bart. Vielen Dank für deine Zeit und dein Plädoyer für Open Source!

Interview: Markus Sekulla