KI & Robotics

Weniger Essen wegwerfen – mit Hilfe von KI

Wir verschwenden zu viele Lebensmittel. Das gilt für Privathaushalte, aber auch für große Kantinen und Küchen. Valentin Belser und Jakob Breuninger haben mit ihrem Start-up Delicious Data, das auch die ERGO Kantinen beliefert, der Lebensmittelverschwendung den Kampf angesagt. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) soll weniger Essen im Müll landen. Im Interview erklären die beiden Founder, wie das funktionieren soll.

Jakob Breuninger (links) und Valentin Belser haben Delicious Data gegründet.

Sie haben ein Start-up gegründet, das speziell dafür sorgt, dass in Kantinen weniger Essen im Müll landet. Wie sind Sie darauf gekommen?

Valentin Belser:
Die Idee zu Delicious Data kam mir beim Mittagessen in der Unimensa: Kurz vor Schließung war noch eine große Menge an frisch gekochtem Essen an der Ausgabe, gleichzeitig aber keine Gäste mehr vor Ort, um alles aufzuessen. Hier wurden wir zum ersten Mal auf das Problem von Abfällen in der Gastronomie aufmerksam.


Was ist Ihre Mission? Geht es in erster Linie um Nachhaltigkeit?

Jakob Breuninger: Lebensmittelverschwendung ist global ein sehr großes Problem. Weltweit gehen ungefähr ein Drittel aller Lebensmittel entlang der Wertschöpfungskette verloren. Das ist nicht nur eine Vergeudung von wertvollen Ressourcen, sondern dazu auch noch hochgradig klimaschädlich. Denn allein die verschwendeten Lebensmittel sind für acht Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich.

Belser: Mit unserer Software geben wir den Unternehmen ein Tool an die Hand, mit dem sie in der Unternehmenskantine, in Restaurantketten und auch in Großbäckereien einen Beitrag dazu leisten können, dem Klimawandel entgegenzuwirken und dabei gleichzeitig auch die internen Prozesse zu optimieren. 


Was macht Ihr Geschäftsmodell konkret aus?

Belser: Wir haben Delicious Data mit dem Ziel gegründet, die Fortschritte im Bereich von KI zu nutzen, um die Nachhaltigkeit in der Außer-Haus-Verpflegung zu steigern.

Breuninger: Dazu haben wir einen Deep-Learning-Algorithmus entwickelt, der aus der Historie der Kundendaten, den geplanten Mahlzeiten sowie weiteren externen Faktoren – wie beispielsweise Wetter, Ferienzeiten oder Feiertage – eine präzise Prognose für den zukünftigen Verkauf errechnet. Das ermöglicht es, bedarfsgerecht einzukaufen und die Produktion entsprechend gut zu planen. Es gibt außerdem die Möglichkeit, Lebensmittelabfälle genau zu erfassen und diese Daten gemeinsam in einem Dashboard zu visualisieren. Das schafft zusätzlich Transparenz und ermöglicht es, Prozesse konkret zu optimieren. Mittlerweile kommt unser System an mehr als 250 Standorten zum Einsatz. 

 

Erklären Sie mal: Wie kann KI beim Thema Lebensmittelverschwendung helfen?

Breuninger: Unsere KI-basierten Absatzprognosen bilden sehr präzise und realistisch ab, welche Gerichte die Kunden haben möchten, so dass hier bereits der Einkauf und dann die Zubereitung der Speisen optimiert werden kann. Eine dynamische Kalkulation basierend auf der gewachsenen Datenbasis führt zu sehr genauen Prognosen, die auch im Tagesverlauf aktualisiert werden. Auf diese Weise kann auch in Großkantinen am Ende der Wertschöpfungskette die Überproduktion minimiert werden.

 

Was genau meint in diesem Zusammenhang Food Waste Tracking?

Belser: Neben den Prognosen bietet unser Tool außerdem Food Waste Monitoring. Dies ermöglicht es Anwender:innen, Lebensmittelabfälle genau zu erfassen und deren Entwicklung über ein Dashboard zu visualisieren und auszuwerten. So werden weitere Einsparungspotenziale offengelegt. Konkret kann dann bei der Planung auch über die Größe der jeweiligen Portionen oder die Sortimentsauswahl nachgedacht werden.

Breuninger: Praktischerweise beruht dieses Feature auf einer Web-App, in der die gewogenen Abfälle direkt erfasst und in unserem Analyse-Dashboard angezeigt werden. Es braucht also keinerlei zusätzliche Hardware oder sonstige IT-Integration von externen Systemen. Dieses Feature ist aus unserer erfolgreichen Zusammenarbeit mit ERGO Gourmet entstanden.


Einer Studie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zufolge landen in Kantinen und Mensen 20 Prozent der Lebensmittel im Müll. Wie viel wäre mit KI-Unterstützung davon vermeidbar?

Belser: So einiges. Das Einsparungspotenzial setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen, die wir mit unserer Software beeinflussen können. Da wäre als Erstes die Planungsgenauigkeit, die wir durch die Prognosen optimieren können und die den Food Waste schon im Einkauf reduzieren. Unsere Erfahrungswerte liegen hier bei einer um 40 Prozent besseren Planungsgenauigkeit. Als Zweites trägt die Erhebung des Lebensmittelabfalls dazu bei, dass wir mit weiteren Analysen, den Food Waste bei unseren Kunden um 30 Prozent reduzieren konnten.

 

Wie sieht die Zusammenarbeit mit der Betriebsgastronomie von ERGO Gourmet aus und was konnten Sie dort bislang bewirken?

Breuninger: An dieser Stelle ist es wirklich interessant, in die konkreten Zahlen zu schauen, die wir schon für ERGO Gourmet optimieren konnten: Denn allein in der 6-monatigen Pilotphase konnten fast 7.000 Essen gerettet werden. Das entspricht einem Klima-Impact von 8.651 Kilogramm weniger CO2 und 380.650 Litern weniger Frischwasser-Verschwendung. Wir freuen uns über dieses Engagement für mehr Nachhaltigkeit und möchten uns an dieser Stelle für die sehr gute, partnerschaftliche Zusammenarbeit mit ERGO bedanken.

 

Welche Branchen können Sie mit Ihrem KI-Konzept denn unterstützen?

Belser: Wir wollen mit unserer Lösung in allen Bereichen der Lebensmittelwertschöpfungskette einen positiven Einfluss nehmen und die Unternehmen auf dem Weg der digitalen Transformation unterstützen. Überall dort, wo die Nachfrage ungewiss ist und Schwankungen manuell nicht optimal abgebildet und einbezogen werden können, bietet die KI Möglichkeiten, um Ressourcen zu sparen. Damit können wir nicht nur Kantinen und Mensen helfen, sondern auch Bäckereien, Snackbars und der Systemgastronomie.

 

Welche Entwicklungen stehen in Zukunft an?

Breuninger: Wir arbeiten gerade am Intraday-Forecast, also an einer Vorhersage für den aktuellen Tag. Dabei wird über den Tag errechnet, wie viele Waren benötigt werden und ob eine Nachproduktion vor Ort nötig ist. Diese Auswertung kann mit einer einfachen “To-Do” App gesteuert werden, so dass auch hier wieder Arbeitsprozesse vereinfacht werden und entsprechend der kalkulierten Nachfrage produziert wird, was den Lebensmitteleinsatz optimiert.

Interview: Benjamin Esche