KI & Robotics

KI in der Kunst: Wer ist der Künstler? 

Künstliche Intelligenz (KI) hat längst Einzug in die Kunst gehalten. Mittels Machine Learning wurde die unvollendete Sinfonie von Schubert zu Ende komponiert. Und KI erzeugt neue, spannende Bilder. Um Fragen der Kreativität und Urheberschaft streiten sich Künstler und Wissenschaftler.

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Ein merkwürdig verwaschenes Bild – das „Porträt des Edmond De Belamy" des französischen Künstlerkollektivs Obvious – gilt als erfolgreichstes KI-Kunstwerk der Welt. Es wurde im Oktober 2018 im Auktionshaus Christie`s für die Rekordsumme von 432.500 Dollar versteigert. Kein KI-Bild danach erzielte einen ähnlich hohen Preis. „In der Kunstwelt entstand durch den Einsatz von KI eine neue Bewegung, die Kreativität und Urheberschaft neu definiert“, berichtet Spiegel Online Ende 2020. Diese erschüttere die Vorstellung, „dass kreatives Gestalten ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen“ sei.

Maschinen, die Bilder malen

Auch die Künstlerin Ornella Fieres (Fotocredits: Marcus Schneider) setzte 2020 zum ersten Mal KI ein. Sie wurde 1984 in Frankfurt/Main geboren, lebt in Berlin und New York. „In meiner Arbeit verwende ich unterschiedliche digitale Technologien, um gefundenes historisches Bild-, Text- und Tonmaterial zu transformieren”, erklärt sie. „Ziel ist, mithilfe von digitalen Signalen historisches Material ins Jetzt zu übersetzen und zu beobachten, was bei der Transformation der Informationen passiert.”

Ornella Fieres, Credit: Marcus Schneider

Doch was fasziniert sie an KI? „Mich interessieren besonders die unsichtbaren und verborgenen Prozesse in der Maschine. All das, was ich nicht sehen und wenig kontrollieren kann.“ Für ihre Einzelausstellungen in New York und Berlin hat Fieres mehr als 700 Dokumente aus einem Nachlass mittels KI les- und transformierbar gemacht. „In dem Nachlass-Konvolut befanden sich Hunderte von Briefen, die ich aufgrund der unleserlichen alten Handschriften nicht entziffern konnte. Ich habe zunächst nach etwas gesucht, das mir hilft, das Geschriebene lesbar zu machen. Ich bin schließlich auf ein ‘Document Understanding Tool’ gestoßen und habe nach weiteren Möglichkeiten geforscht, die Masse an Informationen aus der Sammlung auf unterschiedliche Weise zu transformieren.“

Spannend findet sie „das potenziell Autonome an der Künstlichen Intelligenz. Die Vorstellung, dass sie sich ohne menschliches Zutun weiterentwickelt und wie ein Organismus wächst und sich ausbreitet.” Fieres promoviert derzeit an der Hochschule für Gestaltung Offenbach zum Thema „Das Okkulte Digitale“. Dabei geht um die verborgenen, geheimnisvollen Aspekte der Digitaltechnik. „Davon ist die Künstliche Intelligenz selbstverständlich ein großer Teil”, findet die Künstlerin.

Angesichts des verstärkten KI-Einsatzes in der Kunst hat man den Eindruck, es könne sich um ein Modethema handeln. Fieres sieht das ähnlich: „Das Thema KI ist momentan sehr populär, was die Befürchtung mit sich bringt, dass es für die Kunst uninteressant wird. Ich verwende sie jedoch aus dem gleichen Grund, aus dem ich auch andere digitale Automatismen wie Algorithmen benutze: um das Unsichtbare, Autonome im Digitalen zu untersuchen.”

Ausstellung Ornella Fieres, Credit: Marcus Schneider

Kunst-KI: zwischen Fehlern und Kreativität

Eines ihrer Werke zeigt, dass die KI einen Fehler macht bei einer Bildbeschreibung. „Ich sehe es jedoch so, dass sie aufgrund ihrer Lernprozesse einfach etwas anderes erkennt als wir Menschen.” Es geht Fieres darum, zu zeigen, „dass innerhalb der Maschine Dinge passieren, die ich nicht beeinflussen kann. Sie handelt autonom – und ich korrigiere sie nicht”.

Beim Einsatz von KI in der Kunst stellt sich schnell die Frage nach Urheberschaft und Quelle der kreativen Leistung: „Wenn der Mensch den Algorithmus vorgibt, die KI aber das Bild erschafft: Wer ist dann der Künstler?”, fragt etwa Spiegel-Redakteurin Carola Padtberg.

Es gibt bereits Studien zu dem Thema, wer beim Einsatz von KI Urheber eines Kunstwerkes ist: Künstler oder KI. Fieres sieht das so: „Bei der Urheber-Thematik interessiert mich vor allem die Idee, dass die Maschine als schaffend und kreativ angesehen wird. Ich verwende unterschiedliche digitale Mechanismen, um meine Werke zu schaffen. Hierfür entwickle ich Konzepte, entscheide, welche Technologie ich wie benutze, welchen Input ich gebe, welcher Output gewählt wird und: wie Produktion und Installation umgesetzt werden. Trotzdem ist die KI oder eine andere digitale Technologie ein großer Teil dieses Prozesses.”

„KI ist gekommen, um zu bleiben“

Auch bei Marc-André Weibezahn kommt KI zum Einsatz. Der Leipziger Digital-Künstler nutzte Machine Learning in seinem jüngsten Projekt „Affine Tuning” als Werkzeug.

Dabei geht es um interaktive Musik: „Eine Smartphone-App übersetzt Bewegungen des Spielers in musikalisches Feedback”, erklärt Weibezahn, der an der Kunsthochschule Bremen Workshops gibt und Vorlesungen hält. „Je nachdem, wie man sich vor der Smartphone-Kamera bewegt, verändert sich das Stück. Für mich ist das experimentelles Entertainment. Kein Videospiel, aber vom Ansatz und der Einfachheit her geht es in diese Richtung.” KI interessiere ihn als Werkzeug, weil es mittlerweile sogar in den kleinen Formfaktor eines Smartphones passe.

Affine Tuning: Dynamic Beats

 

Seinen ersten Kontakt mit KI hatte Weibezahn beim Thema Style Transfers: „Dabei geht es darum, ein Bild im visuellen Stils eines anderen Künstlers darzustellen. Ein Selfie im Stil eines Van-Gogh-Gemäldes zum Beispiel. Das war mein erster Berührungspunkt.”

Seitdem hat sie KI in der Kunst auch nach Weibezahns Ansicht zu einem Modethema entwickelt: „KI als Thema, aber auch Tracking, Gesichtsanalyse oder das Herstellen neuer Bilder durch den Computer hat in den letzten Jahren eine gewisse Prominenz erreicht.“ Doch KI sei gekommen, um zu bleiben. „Der Fokus wird sich verändern, je nachdem was gerade aktuell ist." Künstlich erzeugt Bilder haben für Weibezahn eine eigene ästhetische Qualität, die man mit einer Maltechnik vergleichen kann. Ihn stört an der KI, dass es immer noch Limits, Rauschen in den Daten und Fehlinterpretationen gibt. „Es sind stets nur Annäherungen. Je nachdem, wie gut ein Algorithmus trainiert wurde, kann er manches gut – aber anderes aber nicht so gut. Damit gehen manche Sachen einfach noch nicht, etwa feine Details bei wenig Licht zu erkennen."

Kann KI kreative Künstler ersetzen?

Zur Diskussion, ob KI selbst kreativ und der Urheber eines Kunstwerkes sein kann – oder ob diejenigen, die den Algorithmus trainieren, die kreative Leistung vollbringen und das Programm sie nur ausführt –, äußert sich Weibezahn wie folgt: „Was verstehen wir unter Kreativität? Ist es kreativ, wenn ein Programm komplexe Berechnungen ausführt? Kann man Kreativität in Zahlen ausdrücken? Bei einem Maler, der ein Gemälde auf die Leinwand bringt, besteht der kreative Akt auch aus einem Auswahlprozess. Im Künster sind Entscheidungen und Intuition herangereift – und die sind bei niemandem gleich. Kann man das mit einer Maschine, die jedes Mal das gleiche Ergebnis ausspuckt, vergleichen?"

Weibezahn sieht das nicht so: „Ein Künstler ist wie eine Art Katalysator, der nimmt auf, lebt sein Leben, unterliegt Einflüssen von überall und führt soziale Beziehungen zu anderen Menschen. Das fließt alles in den künstlerischen Auswahlprozess ein. Diese Schnittstellen hat ein Computerprogramm, zumindest heute, aber noch nicht", erklärt der Künstler. „Wie soll ein Computer oder ein Programm wissen, was Menschen bewegt?” Kunst, die sich mit sozialen oder politischen Aspekten beschäftigt, werde auch in Zukunft nicht aus Computern kommen.

Text: Helge Denker (www.helgedenker.de)