New Way Of Working

Das „9 to 5“-Arbeitsmodell ist tot – lang lebe „9 to 5“? 

Das US-Unternehmen Salesforce hat kürzlich eine Pressemitteilung mit den Worten „The 9-to-5 workday is dead” verschickt und damit für viel Aufsehen gesorgt. Grund genug für //next-Kolumnisten Markus Sekulla – seines Zeichens Freund von New Work und alternativen Arbeitsmodellen – dieser steilen These auf den Grund zu gehen. 

 

Kaum ein Tag vergeht zurzeit, an dem keine große Tech-Firma verkündet, dass das klassische Arbeitsmodell bei ihr ausgedient habe – selbst wenn es mit Corona vorbei sei. Allein in der letzten Woche waren es Spotify und Salesforce. Oft werden in den Pressetexten die zahlreichen Vorteile der flexibleren Arbeitsmodelle dargestellt. Diese Vorteile, das möchte ich hier so deutlich sagen, bestehen schon seit vielen, vielen Jahren. Man könnte den Unternehmen mit solchen Mitteilungen also ein gewisses „coolwashing“ vorwerfen. Oder man bemächtigt sich der folgenden alten Weisheit: „Der beste Zeitpunkt, einen Baum zu pflanzen, war vor 20 Jahren – doch der zweitbeste Zeitpunkt, einen Baum zu pflanzen, ist heute.“

Aber die vielen Ankündigungen sind Grund genug, meine Gedanken zum Thema „remote- und flex-Office“ mal wieder auf den Prüfstand zu stellen. Kommt also gerne mit auf eine – sehr subjektive – Reise zu den PROs und CONs der klassischen Arbeitsmodelle. 

Smart Speaker

PRO neues Arbeitsmodell…

Vielleicht noch mal schnell zur Einordnung: Ich bin seit 12 Jahren Freiberufler (Blogger und Unternehmensberater) und kann damit seither arbeiten, von wo ich möchte. An meinem Schreibtisch in Düsseldorf, in Strandcafés an der Nordsee oder in Co-Working Spaces in New York. Überall habe ich umfangreiche Arbeitspakete abgearbeitet. Dabei beschlich mich nie das Gefühl, dass meine Arbeitsleistung unter negativem Einfluss des geographischen Ortes steht. Das Gegenteil war der Fall: Lange Anreisen, Stau, volle Straßenbahnen oder Jeans sind Dinge, die oft schon in den ersten Stunden des Tages schlechtere Laune machen. Damit sind wir auch mittendrin im ersten Vorteil von flexiblen Arbeitsmodellen: Man hat bei gleicher Arbeitszeit prozentual mehr Freizeit, Stichwort: Work-Life-Balance. Länger schlafen, Kids entspannter in die Kita bringen, keine Parkplatzsuche … Lebensqualität in Tüten.

Neben der Lebensqualität kommt für mich der Faktor Umwelt hinzu. Jeder kennt es: „Dieses Meeting hätte auch eine E-Mail sein können.“ In der aktuellen Version ist vielen von uns klar geworden, dass viele Meetings auch Videocalls hätten sein können. Business-Reisen ans andere Ende des Landes, des Kontinents oder gar der Welt für Meetings, die oft nur einen Tag dauern? Sinn? Fehlanzeige! Die Umwelt würde uns die sinkende Schadstoffbelastung danken.

Einige Meetings sind die Anreise (zumindest innerhalb Deutschlands) wert, das muss ich hier fairnesshalber sagen. Das sind für mich vor allem Kennenlern-Termine. Man erfährt viel von den anderen Personen über Teams oder Zoom, jedoch werde ich Mimik und Gestik – und damit den Menschen selbst – immer noch besser „Face to Face“ einschätzen können. Und doch: Bei den meisten anderen Meetings freut sich die Zukunft über weniger Abgase durch Flüge, Staus etc.

Kommen wir zu einem Faktor, den ich sowohl als Plus- als auch als Minuspunkt von neuen Arbeitsmodellen anführen möchte: freie Zeiteinteilung. Eine Bekannte von mir freut sich immer und sagt: „Im Homeoffice steigt einem seltener jemand aufs Dach.“ Und klar, man kann Tasks dann abarbeiten, wenn man sich die Zeit dafür nimmt. Das kann für die eine von 9 bis 17 Uhr sein, für den anderen aber von 20 Uhr bis 24 Uhr. Solange die Aufgaben erfüllt werden und die Qualität des Outputs nicht leidet, kann sich die Arbeit den natürlichen Zyklen der Menschen anpassen (als Nachteule bin ich nie gerne um 6:30 für die Schule aufgestanden). Das Thema „Kernarbeitszeit“ ist etwas, was sicher für Abstimmungen gut ist –  für das Abarbeiten von Dingen in meiner Welt jedoch komplett egal sein.

Ein schön knackiger Punkt für Remote-Offices ist die Größe des Talentpools: Für den Job in eine andere Stadt ziehen, das war mal gang und gäbe. Wenn man von anderen Orten aus arbeiten kann, zu jeder Zeit, dann kann mein Rechner auch mit dem Feature „Meerblick“ ausgestattet sein. 

…und PRO altes Arbeitsmodell

Freie Zeiteinteilung klingt anfangs sehr verlockend, kann aber auch zur Falle werden: Effektive Arbeit braucht klare Linien und Räume für Deep Work. Das braucht es im Office zwischen 9 und 17 Uhr zwar auch, jedoch habe ich immer das Gefühl gehabt, dass die Arbeitsatmosphäre im Office gegeben war. Und: Wenn ich schon mal da war, dann arbeite ich auch. Viele sagen, sie können sich im Office einfach besser konzentrieren als zuhause. Außerhalb des Büros muss man sich diese Räume deutlicher nehmen. Ist das geschafft und die menschliche Tendenz zur Prokrastination beiseite geräumt, sehe ich die freie Zeiteinteilung eher als Vorteil. Geht es in die Richtung, dass man ständig erreichbar ist, auch weit nach Feierabend – wie es in vielen Jobs erforderlich ist – so kann dies zum Problem für die eigene Work-Life-Balance werden.

Der wichtigste Punkt „pro 9 to 5“ stellen für mich die sozialen Verbindungen am Arbeitsplatz dar: In den letzten Monaten haben viele von uns gemerkt, wie es ist, wenn man offline gar nicht mit anderen Leuten (beruflich) in Kontakt kommt. In meinem Fall: Es ist immer super, wenn man Home-Office machen kann, es wird blöd, wenn man Home-Office machen muss und alles entfällt, was man an Tagen im Büro mag: Gespräche in der Kaffeeküche, nettes Zunicken auf dem Gang und schnelles Klären von Dingen, weil man einfach über den Schreibtisch fragen kann. Auch den Flurfunk bekommt man nicht mit, auch nicht die wichtigen Termine nach dem Meeting beim Lunch. Was ich sagen will: Die meisten von uns sind nicht fürs Alleinsein gemacht – und der Mensch an sich ist ein soziales Wesen, das im Office oft besser zur Geltung kommt.

Diese Vorteile können durch ein Flex-Office gut genutzt werden. So kommt man in den Genuss vom Besten aus beiden Welten. Nur noch ins Office kommen, wenn es ins Leben passt. Nur wenn man Lust auf die Kolleg:innen hat. Klingt zu gut, um wahr zu sein – muss es (in Zukunft) aber nicht.  

Mein Fazit

Wie gerne man flexibel arbeitet, ist am Ende vor allem Typ-Sache. Über eine subjektive Meinung kommt also auch diese Gegenüberstellung nicht hinaus. Um den Ausgangssatz noch mal aufzugreifen: „9 to 5“ ist nicht tot, zumindest nicht für die meisten von uns Büromenschen. Jedoch gehe ich den Vorstoß der Unternehmen voll mit, dass jede:r so arbeiten soll, wie es für die eigenen Lebensumstände passt.

Ich werde mein Arbeitsleben weiter so flexibel wie möglich handhaben wollen. Ich kann in meinen eigenen vier Wänden „ordentlich was wegschaffen“, und ich genieße die Meetings bei Kunden. Ich bin damit also stolzes Mitglied im TeamFlexOffice. Ihr auch? Lasst uns gerne in den Kommentaren diskutieren!

Text: Markus Sekulla