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Nehmen uns Algorithmen die Arbeit weg?

Jeder Fünfte Versicherungsmitarbeiter sorgt sich, am Arbeitsplatz durch Computer oder Roboter ersetzt zu werden. In keiner anderen Branche sind die Ängste vor Technologien größer. Sogar fast jeder Zweite habe bereits erlebt, dass Technologie eigene Aufgaben übernimmt. Das geht aus einer aktuellen Umfrage der Unternehmensberatung EY hervor. Anlass genug für ERGO CDO Mark Klein, sich in seinem neuen Blogbeitrag mit diesen Sorgen auseinanderzusetzen. Auch bei einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei ERGO nehme er diese Sorge ganz klar wahr. Allerdings seien auf dem Arbeitsmarkt zuletzt so viele neue Jobs entstanden wie alte verloren gegangen sind, der Fachkräftemangel wird zudem immer größer. Und – die düsteren Vorhersagen der wohl bekanntesten Untersuchung zum Arbeitsplatzverlust durch Technologisierung seien bis jetzt de facto kaum eingetreten.

 

Vor inzwischen fast zehn Jahren haben zwei renommierte Ökonomen der University of Oxford die Arbeitswelt in Aufruhr versetzt. In ihrer Untersuchung „The Future of Employment“ sagten Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne voraus, dass fast die Hälfte aller Jobs in den USA mittels Automatisierung binnen der kommenden 10 bis 20 Jahre ersetzt würden.

Zwar sind die Prophezeiungen der Oxford-Studie in vielen Punkten bis jetzt nicht eingetreten – immerhin sind die ersten zehn Jahre bereits um. Trotzdem wird Digitalisierung den Beigeschmack, Arbeitsplätze zu vernichten, nicht mehr los. Dass die Ökonomen mit ihrer Prognose so viel Aufsehen machten, hat auch mit einer Verklärung von Automatisierung zu tun. Oft wird Künstlicher Intelligenz (KI) eine omnipotente Mystik zugeschrieben, die fehl am Platz ist. Menschen werden auch noch in 100 Jahren das Sagen haben – und Roboter sind fast immer ziemlich dumm!


Wenn intelligente Technik Schnarchen nicht von Sprechen unterscheiden kann

In Japan musste ein Hotel mehrere Hundert seiner Roboter wieder stilllegen. Sie entlasteten den Menschen nicht von Arbeit, sondern schufen neue – und vor allem Ärger. Die Roboter, die als persönliche Assistenten mit den Gästen auf den Zimmern blieben, verwechselten menschliches Schnarchen mit dem Wunsch des Gastes, kommunizieren zu wollen. Also antworteten die Roboter auf das Schnarchen und sprachen den Gast mitten in der Nacht an, was er denn wünsche.

Auch bei Tests in Altenheimen machten die menschelnden Maschinen nicht den besten Eindruck. Das Modell „Pepper“ sollte im Test die pflegende Nachtschicht unterstützen und anzeigen, wenn Heimbewohner mit Demenz ihr Zimmer und vielleicht das Pflegehaus selbst verlassen wollten. Die menschlichen Bewohner jedoch empfanden die Roboter als Bedrohung und gingen mit „körperlicher Kraft“ auf Pepper los. Die teuren Maschinen wurden schnell wieder eingesammelt, aus Angst vor dem Totalschaden.

Und auch ein roboterisierter Forschertraum rückt immer weiter in die Ferne. Seit den 90er Jahren planen US-Entwickler ein Fußballturnier Mensch gegen Roboter. Ziel war es, bis 2050 so weit zu sein, dass die Roboter besser Fußball spielen als Menschen. Inzwischen ist klar, dass 2050 nicht klappen wird. Bis jetzt kam noch nicht einmal ein zweibeiniger Roboter zustande, der so grazil laufen kann wie ein Mensch.

Technologische Transformation braucht Jahrzehnte

Ich bin fest überzeugt davon, dass Roboter bald Schnarchen von Sprechen unterscheiden können. Und auch, dass sie so vermenschlicht interagieren, so dass sich Menschen nicht bedroht fühlen. Und selbst an den kickenden Ronaldo-Roboter glaube ich. Allerdings wird das nicht morgen Realität werden, sondern Jahrzehnte brauchen. Es braucht Zeit, bis die Technologie nicht nur in der Lage, sondern auch reif ist, in den Alltag einzuziehen.

Das Transformationstempo, von dem die Oxford-Ökonomen Frey und Osborne ausgingen, ist nicht realistisch. Die Forscher haben nicht nur den all zu optimistischen Digitalisierungsprognosen der Tech-Jünger zu sehr vertraut. Sie vergaßen auch einzubeziehen, dass Digitalisierung neue Jobs schafft. Zudem lassen wir als Gesellschaft nicht alles Machbare Wirklichkeit werden, sondern bewerten es zusätzlich nach ethischen Kategorien und treffen auch auf dieser Grundlage Innovationsentscheidungen.

All diese Mängel haben Osborne und Frey längst eingeräumt. Eine OECD-Studie von 2018 stuft nur noch 14 Prozent der Jobs als „hoch automatisierbar“ ein – mit einem Automatisierungsgrad von mehr als 70 Prozent. Aber selbst bei diesem abgeschwächten Szenario müssen wir in Jahrzehnten denken und nicht in Jahren (Siehe auch meinen Artikel zu „KI und Dunkelverarbeitung“).

Es entstehen fast so viele neue Jobs wie alte verloren gehen

Auch heute schon führt der Computer Tätigkeiten aus, die vorher nur analog von Menschen verrichtet werden konnten. Das ist seit Conrad Zuse und der Erfindung des Computers so. Schon die Lochkarten haben in Versicherungen menschliche Arbeit ersetzt. Und auch in Zukunft werden Berufe verloren gehen. Insbesondere solche, die größtenteils in automatisierbaren Routinen ablaufen.

Der Postwagen, der mehrmals täglich durch die Versicherung fuhr, um Briefe zu verteilen, wird viel weniger benötigt. Weil es viel weniger Briefe gibt. Das gilt auch für klassische Archive, weil Kundenarchive digitalisiert sind. So ist auch die Landwirtschaft von einer Branche mit vielen Beschäftigten – um 1900 arbeiteten hier knapp 50 Prozent aller Erwerbstätigen – mittels Technisierung zu einer geworden, die von wenigen Menschen betrieben werden kann. Heute arbeiten nur noch gut ein Prozent aller Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft.

Ich könnte unzählige Branchen (Postkutscher, Laternenanzünder) und Innovationsmomente (Erfindung des Automobils, Elektrifizierung der Städte) aufzählen, in denen Technisierung Berufe verändert hat. In der gleichen Zeit sind jedoch neue Berufe entstanden. In einer digitalisierten Arbeitswelt könnten bis 2035 1,5 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland verloren gehen. Gleichzeitig aber würden beinahe genauso viele neue Jobst entstehen. Das hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einer Studie von 2018 berechnet.

2018 lag das Verhältnis von verloren gegangenen Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung bei ca. 60.000 – die der durch IT neu hinzugekommenen bei ca. 42.000. Das ist immer noch eine Reduzierung um fast ein Drittel. Beachten sollten wir dabei jedoch, dass die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter sinkt – und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter händeringend gesucht werden. 

Lebenslanges Lernen bekommt einen vollkommen neuen Stellenwert

Aber selbst, wenn die Prognosen eintreten, dass alte Arbeitsplätze (lediglich) von neuen abgelöst werden. Dann stellt sich die Frage, wie man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für neue Aufgaben qualifiziert. Kritiker der „grenzenlosen“ Automatisierung verweisen darauf, dass die Digitalisierung Berufe mit eher niedriger, nicht akademischer Qualifizierung trifft.

Prof. Harald Lesch, Astrophysiker und kultiger Moderator der ZDF-Sendung „Terra X“ warnt vor beschleunigten Innovationszyklen: Alles werde immer schneller bei immer weniger Zeit, Entscheidungen zu treffen. Man komme am nächsten Morgen ins Büro und werde nicht mehr benötigt. Die Menschen schafften es nicht, sich schnell genug anzupassen.

Auch wenn das Lesch-Argument übertrieben ist: die Themen Qualifizierung, Weiterbildung und lebenslanges Lernen müssen wir zum Kern der Arbeitswelt machen. Wir brauchen sicher keine Angst zu haben, dass uns die Arbeit verloren geht. Wir müssen aber zusehen, wie wir es schaffen, uns für das Neue zu qualifizieren.


Realistischer werden Maschinen sein, die mit Menschen kollaborieren

Für Harald Lesch wäre es ein Alptraum, „wenn wir die großartigen Fähigkeiten unseres Gehirns vernachlässigen“ und „digitale Hochleistungsrechner zu den Herren unserer inneren und äußeren Welt machen.“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen! Allerdings glaube ich, dass die Wahrheit – für noch sehr lange Zeit – eine andere sein wird. Mensch und Maschine interagieren miteinander beziehungsweise arbeiten via digitaler Assistenzsysteme zusammen. So sieht es beispielsweise der Technikphilosoph Hauke Behrendt.

Statt die Jobs wegzunehmen, könnten Roboter uns die Arbeit erleichtern, sagt auch Arbeitsmarkt-Forscher Terry Gregory. (Was das für ERGO heißt, beschreibe ich in meinem Artikel „Robotics“). Und der Zukunftsforscher Michael Carl sieht keine Massenarbeitslosigkeit der Zukunft: „Viele Menschen werden zwar nicht mehr wie heute arbeiten, aber sie werden weiterhin arbeiten. Nur die Tätigkeiten werden sich verändern.“ Es werde für mehr und mehr Menschen normal werden, im Arbeitsalltag mit Künstlicher Intelligenz zu tun zu haben.

Können Sie sich Ihren Lieblings-Comedian als Roboter vorstellen?

Die kollaborierende Automatisierung begrüßen bei ERGO immer mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Unsere Erfahrungen mit Robotic Process Automation sind sensationell. Der Computer übernimmt die eher stumpfen Tipparbeiten. Die Menschen können sich auf ihre Stärken konzentrieren, sich um den Kundenservice und die kreativ-emotionalen Parts der Arbeit kümmern.

Emotion, Fürsorge und Kommunikation werden wahrscheinlich nie realistisch ersetzbar sein. KI kann selbstredend auch Kunstwerke herstellen, schon heute. Aber das Befassen mit bildender Kunst macht mehr Spaß, wenn sie aus einer menschlichen Emotion heraus entstanden ist. Oder stellen Sie sich einen Roboter-Comedian auf der Bühne vor, der einen Witz erzählt. Lustig wäre das wohl nicht.

Roboter werden auch im Unternehmen den Menschen nicht ersetzen. Nehmen wir das kreativ sein, das vernetzte Denken, das Brainstormen – wo ein Gedanke an den nächsten gefügt wird. Und was ist mit sozialer Kompetenz oder dem Taktieren am Verhandlungstisch? Komplizierte Ampel-Koalitions-Verhandlungen für die nächste Bunderegierung, geführt von Abordnungen aus Algorithmen und Robotern? Undenkbar!

Trotzdem tun wir gut daran, uns mutig dem Neuen zu öffnen. Vielleicht sind wir auch schon mittendrin in diesem Prozess. Im Vergleich zur letzten EY-Umfrage unmittelbar vor der Corona-Pandemie ist die Sorge um Jobverlust durch Digitalisierung gesunken! Meine Interpretation: das digitale Improvisieren während des Lockdowns hat bei vielen zu der Erkenntnis geführt, dass es nicht um ein entweder/ oder geht. Nicht um Maschine oder Mensch, sondern um ein produktives Miteinander von menschlicher und künstlicher Intelligenz.

Text: Mark Klein