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Geht Digitalisierung auch grün?

Das Vorurteil ist weit verbreitet: Die Digitalisierung treibt Stromverbrauch (und damit Treibhausgas-Emissionen) nach oben. Doch so einfach ist es nicht. Digitale Lösungen haben durchaus das Zeug, den globalen Energiebedarf zu verringern und damit zum Klimaschutz beizutragen.

Die Experten sind sich nicht ganz einig, die Vergleiche aber allesamt gigantisch: Die Kryptowährung Bitcoin (mehr hierzu in Kürze auf //next), von riesigen Serverfarmen erschaffen und am Laufen gehalten, verbraucht mittlerweile wahlweise soviel Energie wie Neuseeland und Belgien zusammen, wie die Niederlande oder Norwegen. Doch egal welchem Strombedarf das Kryptogeld nun tatsächlich genau entspricht: Bitcoin ist ohne Frage nur ein Beispiel dafür (andere sind Streaming oder Googeln), wie mit zunehmender Digitalisierung der Verbrauch von Elektrizität und damit auch der Ausstoß von Treibhausgasen (bei entsprechender Stromproduktion mit Hilfe fossiler Rohstoffe wie Kohle oder Erdgas) zunimmt. Tipps, wie Ihr privat Euren Stromverbrauch beim Surfen und Streamen senkt, haben wir übrigens hier zusammengetragen

Aber geht es nicht auch andersrum? Geht Digitalisierung auch grün? Gibt es digitale Innovationen, die den Klimaschutz voranbringen? Das glaubt auf jeden Fall die Mehrheit der Deutschen: 56 Prozent waren sich bei einer repräsentativen Umfrage im Herbst 2019 sicher, dass sich der Klimawandel durch digitale Technologien bekämpfen lässt. Der Branchenverband Bitkom, der die Studie damals in Auftrag gab, hat mittlerweile die Umwelt- und Digitalisierungsexperten der Unternehmensberatung Accenture nachrechnen lassen. Das Ergebnis: Die Deutschen lagen richtig. 20 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen können durch digitale Technologien eingespart werden. Hierzulande könnten diese dazu beitragen, dass Deutschland seine Klimaziele bis zum Jahr 2030 erfüllt. So wäre es möglich, den CO2-Ausstoß durch den gezielten und beschleunigten Einsatz digitaler Lösungen in zehn Jahren um satte 120 Megatonnen zu reduzieren.

Energieverbrauch in Produktion und Transport sinkt

Die meisten Treibhausgase stößt hierzulande bekanntlich die Energiewirtschaft aus. Diese wird ihre Emissionen vor allem dank der Energiewende hin zu Wind, Sonne, Biomasse und Co. senken. Gleich dahinter folgt aber schon der Transport. Hier kann die Digitalisierung ihre Stärken ausspielen. Neben Sharing-Mobility-Angeboten ist es im Verkehr vor allem eine intelligente Verkehrssteuerung, bei der beispielsweise Sensoren an der Straße oder GPS-Systeme in Autos Daten liefern, mit denen Ampeln geschaltet, Verkehrsströme umgeleitet oder öffentliche Transportmittel gestärkt werden können. Smarte Logistik kann zudem Leerfahrten vermeiden und Frachtrouten optimieren.

Ähnliches gilt für die industrielle Fertigung, wo 19 Prozent aller CO2-Emissionen entstehen. In diesem Segment, da sind sich die Experten einig, entfalten digitale Technologien das größte CO2-Einsparpotenzial. Ein gutes Beispiel dafür: der so genannte „Digitale Zwilling“. Diese virtuellen Abbilder von kompletten Produktions- und Betriebszyklen machen es möglich, dass Verfahren zunächst am digitalen statt am realen Objekt getestet werden – auf diese Weise können massiv Material, Energie und Ressourcen gespart werden. 


Im Segment Gebäude lautet das Schlagwort „Smart Meter“. Diese können Heizkörper automatisch herunterstellen, wenn ein Fenster geöffnet wird oder das Licht löschen, wenn die Bewohner zur Arbeit gehen. Doch das ist längst noch nicht alles. Die Waschmaschine legt dann los, wenn viel Windstrom ins Netz drängt, der sonst abgeregelt werden müsste, oder wenn (wie nachts) kaum Nachfrage nach Strom besteht. In großen Büro- und Geschäftskomplexen regeln digitale Lösungen Heizung, Lüftung oder Klimatisierung je nach Wetterverhältnissen oder Anzahl der anwesenden Angestellten. Hinzu kommt die Digitalisierung der Büroarbeit (beispielsweise Videokonferenz statt Geschäftsreise), wie die Welt sie im Zuge der Corona-Pandemie bereits im verstärkten Einsatz erlebt (hat). 

Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings auch: Die Digitalisierung bietet nicht nur vielversprechende Potenziale für den Klimaschutz. Die verschiedenen Lösungen werden selbstverständlich auch mit einem entsprechenden Kohlendioxid-Ausstoß verbunden sein. So müssen ja nicht nur Endgeräte hergestellt werden. Das gleiche gilt für Netzinfrastruktur und Rechenzentren, die zudem noch betrieben werden wollen. Unterm Strich sind Fachleute jedoch optimistisch: Das CO2-Einsparpotenzial der verschiedenen digitalen Technologien wird in Summe deutlich höher sein als ihr eigener Ausstoß. Ob dieses Potenzial nun zwei, drei oder rund fünf Mal so hoch sein wird, ist noch nicht ganz klar. Aber das ist der genaue Bitcoin-Stromverbrauch ja bekanntlich auch nicht. 

Text: Jochen Schuster