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„Die Technologien zur Bewältigung der Klimakrise gibt es bereits“

Sascha Pallenberg ist  Chief Awareness Officer von aware_, Deutschlands erster Nachhaltigkeitsplattform mit einem branchenübergreifendem Netzwerk. Im ersten Teil unseres dreiteiligen Interviews diskutiert //next-Autor Markus Sekulla mit dem Techblogger, wie sich der Klimawandel wirksam bekämpfen ließe – und wie Pallenberg als ehemaliger „Head of Digital Transformation“ in der Unternehmenskommunikation von Daimler die aktuellen Öko-Offensiven in der Mobilitätsbranche beurteilt.

Sascha Pallenberg Sascha Pallenberg

Hi Sascha, schön dass wir zum Thema Nachhaltigkeit sprechen können. Als ehemaliger Daimler-Experte hast da sicher spannende Einblicke. Wie bist Du denn überhaupt zum Thema Nachhaltigkeit gekommen?
Es gab zwei Schlüsselmomente in meinem Leben: Der erste war die zweite Erdkunde-Stunde in der fünften Klasse, als ich vom Treibhauseffekt – das war Anfang der 1980er Jahre – erfuhr. Und der zweite folgte zu Beginn der 2000er-Jahre, kurz vor der Gründung meiner ersten Firma, als ich vor meinen grauen, lauten Rechnern saß und mich fragte: Warum können die nicht schick aussehen und energieeffizient arbeiten? Daraufhin habe ich angefangen, solche effizienteren Systeme aus Taiwan zu exportieren.

Schnell habe ich gemerkt, dass eine nachhaltige Lebensweise mich gesünder und glücklicher macht. In den letzten anderthalb Jahren bin ich beispielsweise nicht mehr gereist und habe festgestellt, dass ich viele Sachen einfach auch von zu Hause aus machen kann, ohne mit einem Flug nach Europa hin und zurück 20 Tonnen CO2 in die Atmosphäre zu pumpen.


Wenn du dir Technologie und Klimawandel in Kombination ansiehst: Wie groß ist der Zusammenhang? Würden wir den Klimawandel ohne Technologie überhaupt hinbekommen? Oder, anders gefragt, wie hilfreich können neue Technologie im Kampf gegen den Klimawandel überhaupt sein?
Ich habe Technologie und Nachhaltigkeit immer als zwei Systeme gesehen, die bezüglich ihrer Dynamiken Hand in Hand gehen. Digitale Transformation bezeichnet den Prozess, effizientere Strategien zu entwickeln und schlussendlich natürlich auch einzusetzen. Dass diese oft auch nachhaltigere Lösungen sind, ist für uns alle natürlich gut.

Ein ganz einfaches Beispiel: Ich lebe in Taiwan. Ein Land, in dem im Winter Heizungen nicht so aktiv sind, im Sommer dafür aber Klimaanlagen. Ich habe mich im vergangenen Jahr dazu entschlossen, meine Klimaanlage auszutauschen und nach zehn Jahren die neuste Technik mit einziehen zu lassen. Zum Jahresende zeigte sich: Ich hatte zwei Drittel weniger Strom verbraucht. Das verdeutlicht nicht nur sehr anschaulich das Effizienplus durch neue Technologien, sondern auch die Ersparnis in unseren Portemonnaies.

In den Medien werden leider oft Narrative à la „Wenn wir diese oder jene Technologie erst haben, wird alles besser“. Das ist in meinen Augen totaler Quatsch: Sämtliche Fundamental-Technogien, mit denen sich der Klimawandel bekämpfen ließe, besitzen wir bereits heute.


Führen wir uns nur die zwei Energieformen vor Augen, die wir benötigen: Das ist einmal Energie, die wir benötigen, um genau das hier – dieses Interview – zu betreiben. Sprich: Wir brauchen Strom. Und das führt uns zu der Frage: Wie können wir den kompletten Umstieg auf regenerative Energiequellen schaffen?

Die zweite Energieform die, die wir brauchen, um unseren Körpern Energie zuführen, ist unser Essen. Die Nahrungsmittelproduktion auf unserem Planeten ist aufwändig bezüglich der Ressourcen, sie ist aufwändig bezüglich der Energie, sie ist aufwändig bezüglich der Logistik – also Transport von A nach B – und last but not least ist sie eine der verschwenderischten Industrien, die wir überhaupt kennen. Gleichzeitig aber haben wir Lebensmittelverschwendung von mehr als einem Drittel zu kämpfen, und diese findet statt, nachdem das Essen bereits auf dem Teller gelandet ist oder zumindest in den Handelsregalen. Es hat also schon den ganzen Energiekonsum durchlaufen - die gesamte Wertschöpfungskette von Anbau, all die Pestizide, den Aufwand der Verpackung, des Marketings, der Verschiffung und der Zubereitung. Und dann sagen wir einfach „Ich kann nicht mehr“ und geben es ins Recyclin? Das ist ein Riesenproblem!

Wenn wir es schaffen diese beiden erwähnten Energie-Säulen klimaneutral aufzustellen, vielleicht sogar klimapositiv zu gestalten, dann sind wir schon auf einem sehr guten Weg. Das sind übrigens auch die beiden Säulen, die meisten Potenzial für Klima-Positivität bieten. Also für die Frage, wie viel regenerative Energiequellen kann ich überhaupt erschließen, damit ich neben meinem Strombedarf zusätzlich noch CO2 binden oder aus der Atmosphäre herausziehen kann?

Ein Beispiel wäre das Engagement von Krombacher auf Borneo, die für ihre – salop gesagt – „Saufen für den Regenwald“-Kampagne so manchen Shitstorm und den Vorwurf von Green-Washing abbekommen haben. Tatsache ist aber: Was Krombacher in Bezug auf Renaturierung von Sumpfgebiet weltweit macht, erspart uns eine vergleichbare Menge an CO2, als würden wir das im Wahlkampf diskutierte Tempolimit von 120 Stundenkilometern in Deutschland tatsächlich einführen. Mir zeigt das: Gute und nachhaltige Lösungen müssen nicht kompliziert sein! Oft braucht es Leuchtturm-Projekte mit Städten oder Firmen, die sich klimaneutral oder klimapositiv aufstellen und damit andere inspirieren.


Aus deiner beruflichen Vergangenheit bist du natürlich sehr nah dran an den Entwicklungen in der Mobilitätsbranche, denken wir etwa an Elektromobilität oder grünen Wasserstoff. Wie schätzt du das Potenzial dieser Technologien im Kampf gegen den Klimawandel ein?
Nun, der Anteil des Verkehrs an der gesamten CO2-Emission liegt – je nach Region – zwischen 20 und 40 Prozent. Vereinfacht gesagt: Eliminieren wir diese, und am besten noch Kuh-Pupse, haben wir gewonnen! Mit Blick auf die Autobranche mache ich mir keine Sorgen: Die Hersteller investieren so stark wie nie zuvor in ihrer Historie in grüne Technologien. Beispielsweise sind sie inzwischen vollständig darauf geeicht, ihr Geschäft in Richtung E-Mobilität zu transformieren. Kein Zweifel: Der Elektroantrieb ist für sie das Effizienteste, was es gibt, das Fortschrittlichste, was es gibt und auch bezüglich Wartung und Langlebigkeit das Beste, was es gibt. Und den Herstellern ist sonnenklar, dass sie diese Transformation machen müssen – sonst wären sie in Zukunft nicht mehr relevant.

Jeder klassische Autobauer hat – ich kann das zumindest für die deutschen Anbieter sagen – längst eine Roadmap erarbeitet, wie er zu 100 Prozent klimaneutral werden kann. Und das gilt für die gesamte Wertschöpfungskette,  also also unter anderem auch für mehr als  2.000 Zulieferer. Die Fragen sind allerdings: Wo kommt das Rohmaterial her? Aus welchen Mienen wird es abgebaut? Unter welchen Arbeitsbedingungen findet das alles statt? Und welche Diversitätsgesichtspunkte gibt es? Ich bin zuversichtlich: All das wird ebenfalls nachhaltig werden!


Alle berechtigten Forderungen nach mehr Nachhaltigkeit, die in den verangenen Jahren öffentlich immer lauter wurden, haben sich auch auf die Auto-Industrie ausgewirkt – schon alleine wegen Wettbewerbs. Die Hersteller wissen genau, dass die Kids, die heute auf die Straße gehen und für eine klimagerechtere Welt demonstrieren, in 20 Jahren ihre Kernzielgruppe sind. Und wenn dann nichts Klimaneutrales angeboten wird, ist man als Marke draußen. Hinzu kommt regulatorischer Druck: Werden die sich verschärfenden Emissionsstandards nicht eingehalten, schlägt das spürbar ins Kontor.
 

Siehst du denn auch Bewegung im Flugverkehr?
Auf jeden Fall, auch da passiert wahnsinnig viel. Ich weiß zum Beispiel, dass Airbus in Hamburg intensiv am Thema Brennstoffzellen und Wasserstoff arbeitet. Und United Airlines will bis Ende des Jahrzehnts eine Eco-Fuel-Maschine in der Luft haben, die aussieht wie die Concord damals – doch 100 Prozent klimaneutral fliegt.

Was, wie ich finde, ebenfalls gesellschaftlich wichtig ist: Mit modernen und künftigen Technologien sollten wir bis Ende des Jahrzehnts wieder wegkommen können vom gegenwärtigen Flight-Shaming. Denn auch Fliegen wird in den 2030er-Jahren klimaneutral. Auch hier werden die Regulatoren so viel Druck machen – auch in Bezug auf die CO2-Bepreisung –, dass die Hersteller und Airlines keine Chance, sich dem zu verwehren. Ähnliches gilt übrigens für die Klimasünde „Kreuzfahrt": Schon in den kommenden Jahren darf man in die Fjorde Norwegens nicht mehr mit bisherigen Kraftstoffen einfahren. Das alles sind sehr positive Entwicklungen!


Danke, Sascha, für Deine Insights. @All, im zweiten Teil des Interviews kommen wir dann auf künstliche Intelligenz und ähnliche Technologien zu sprechen, die uns im Kampf gegen den Klimawandel ebenfalls weiterhelfen. Bis dahin!

Interview: Markus Sekulla