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Modernes Website Development: Zwischen Standards und Individualisierung 

Juan Carlo Montoya Cardona, Senior Product Owner bei ERGO Technology & Services S.A., macht sich Gedanken über modernes Website Development. Wie geht man mit mehr als 300 Produkten, zwei Millionen digitalen Assets, Tausenden von Inhaltsgeneratoren und Terabytes dynamischer Daten um, die von Hunderten von Diensten abgerufen werden, einschließlich Online-Transaktionen? Und vor allem: Wie schaffen man das alles, ohne Millionen von Nutzern zu stören, die täglich mit der Website interagieren?

Erinnert ihr euch noch an die ersten Websites, die ihr jemals besucht haben? Wenn ihr zwischen 1993 und 1998 das Internet getestet habt, dann endeten eure ersten Versuche, eine Produktwebseite zu erreichen, wahrscheinlich mit einer Enttäuschung. Am Ende des 20. Jahrhunderts hatten nur eine Handvoll der tausend größten Unternehmen der Welt eine relevante Webpräsenz, und die meisten Unternehmen weltweit gingen erst online, nachdem sich die Jahr-2000-Panik endgültig gelegt hatte.

Marketing oder IT?

Die ersten Projekte für Unternehmens- und Geschäftsportale hatten es schwer, interne Verantwortliche zu finden. Einige gingen den Weg über Werbeagenturen, die dafür bekannt waren, hochwirksame Webseiten zu schaffen, die aber sehr schwer zu pflegen waren, während andere es vorzogen, „billige“ Projekte für Praktikanten zu schaffen, mit denen die zukünftigen Entwickler ihre Karriere begannen. Selbst heute, wo die Digitalisierung eines der heißesten Themen ist, hat sich dieses Szenario für viele Start-ups und kleine Unternehmen in „traditionellen“ Branchen nicht wesentlich geändert. Unternehmer unterschätzen oft den Einfluss, den Web- und Frontend-Entwicklung auf ihr Budget haben, und konzentrieren sich lieber auf andere, eher „backend-bezogene“ Prioritäten. 

Schließlich ist das Erstellen einer Webseite ein Kinderspiel! „Mein 13-jähriger Neffe kann das!" Und das mag in der Tat wahr sein (in einem grundlegenden Maßstab natürlich). Es gibt eine ganze Reihe von Werkzeugen, die keine besonderen technischen Fähigkeiten erfordern – ein bisschen Neugier, ein bisschen Designgeschmack, ein paar Klicks und voilà! Eine glänzende neue Seite ist geboren, und die grundlegenden Anforderungen an digitale Kanäle werden auf magische Weise mit einer Reihe von Standardfunktionen erfüllt. In anspruchsvolleren Fällen können Verkaufsmodule angehängt werden, die Filter und Zugang zu detaillierten Berichten ohne größere Investitionen bieten.

Aber jetzt wollen wir mal größer denken. Dazu ein Beispiel aus der Praxis: 2016 wurde die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) eingeführt – ein neues Regelwerk für die Datenverwaltung, das private und öffentliche Einrichtungen in Europa dazu zwingt, ihre Prozesse für die Erfassung und Verwaltung personenbezogener Daten sowohl in Online-Kanälen als auch in ihren traditionellen Pendants anzupassen.

Für ein Unternehmen mit einer großen Website und Tausenden von Kunden ist dies eine tiefgreifende Änderung – aber wie soll man eine solche Anforderung bei mehr als 30 Portalen und 10.000 Webseiten schnell und gleichzeitig umsetzen? Wie geht man mit mehr als 300 Produkten, zwei Millionen digitalen Assets, Tausenden von Inhaltsgeneratoren und Terabytes dynamischer Daten um, die von Hunderten von Diensten abgerufen werden, einschließlich Online-Transaktionen? Und vor allem: Wie schaffen wir das alles, ohne Millionen von Nutzern zu stören, die täglich mit unserer Website interagieren mit einer einzigartigen Mischung aus 30 Herkunftsländern und mehr als 25 Sprachen?

Die Dinge könnten sehr schnell kompliziert werden!

Wie implementieren, pflegen und erneuern wir in einer so großen Umgebung? Wie koordinieren wir Änderungen effizient, wenn Portale auf unterschiedlichen Technologien basieren und an mehreren Standorten isoliert gehostet werden?

Ein Projekt für alle...

Bei der ERGO Group stellte sich im Jahr 2018 die ITERGO in Zusammenarbeit mit der ERGO Technology & Services S.A. (ET&S) all diesen Herausforderungen in einem Projekt namens CARBON, dessen Ziel es war, die besten Software- und Architekturpraktiken zu vereinheitlichen und den Weg zu weisen, wie Front-End-Technologien und Inhalte in einer globalen Organisation interagieren, skalieren und gepflegt werden sollten.

Unabhängig von der Technologie handelt es sich bei der CARBON-Plattform um ein Konzept, das auf der FETA (Front End Target Architecture) basiert und darauf ausgelegt ist, modular zu sein und sich an eine Vielzahl von Diensten anzupassen und diese zu integrieren. Mit der Veröffentlichung der ersten Version dieser cloudbasierten Lösung im Jahr 2019 haben Führungskräfte endlich die Möglichkeit, digitale Kundenerlebnisse ohne geografische Beschränkungen gemeinsam zu erstellen, zu testen und umzugestalten.

 

In CARBON werden zwei potenziell widersprüchliche Konzepte miteinander in Einklang gebracht: Standardisierung und Anpassung. 

Ohne einen soliden architektonischen Rahmen als Grundgerüst könnte jeder neue Anforderer (so genannte Tenants) leicht der Versuchung erliegen, Kernelemente wie Sicherheit oder Ressourcen neu zu definieren. Bei dem Versuch, die eigene Implementierung zu vereinfachen, würden sie unweigerlich in „babelische“ Entwicklungssilos geraten, in denen verschiedene Teams zwar ihre eigene IT-Geschäftsdynamik erfolgreich managen könnten, die es aber auch für die Geschäftsbereiche äußerst kompliziert machen würden, von den Errungenschaften der anderen Tenants zu profitieren. Aus diesem Grund sind Wiederverwendbarkeit und Skalierbarkeit wesentliche Elemente des CARBON-Ansatzes.

Wenn es um große Unternehmen und Marken wie ERGO geht, können es sich die Unternehmen nicht leisten, kein einzigartiges, flexibles und kundenorientiertes Erlebnis zu bieten. Innovation über den Marktstandard hinaus ist Teil der ERGO Produktidentität und die anpassbare Front-End-/Inhaltsschicht ist der Schlüssel zur Fähigkeit der Plattform, technologische Beschränkungen zu beseitigen und Produktstrategen zu ermöglichen, über den Tellerrand hinauszuschauen. Die CARBON-Komponenten werden ständig von agilen Produktteams aktualisiert, die in zentralisierten Roadmaps arbeiten, in denen jede Geschäftsinitiative in User Stories aufgeschlüsselt, in Funktionalität übersetzt und als Asset für alle Tenants zur Verfügung gestellt wird, so dass die Plattform weit über die einfache Bereitstellung von Inhalten hinausgeht.

Die Zukunft ist vielversprechend

CARBON ist noch jung, doch die Erfolge sind beachtlich: Innerhalb von zwei Jahren nach dem Start der Plattform wurde ERGO.de mit CARBON neu aufgebaut, ebenso wie alle Partnerseiten. CARBON ermöglichte auch die Implementierung des Cookie Consent Tools (CCT) in Rekordzeit. Und im vergangenen Jahr wurde das Digitalmagazin //next by ERGO, in dem wir einzigartige Einblicke in Innovation und Technologie geben können, als CARBON-Tenant an Bord geholt.  

Die Fortschritte im Bereich des Managements unstrukturierter Daten sowie andere Projekte der ET&S eröffnen die Möglichkeit für die zukünftige Zusammenarbeit mit CARBON analytics bei der Implementierung von Personalisierungsalgorithmen. Das Endziel solcher Initiativen ist es, den Nutzer sein eigenes digitales Erlebnis steuern zu lassen.

Mittelfristig werden die ERGO Vertriebspartner ihre eigene Webpräsenz in Echtzeit verwalten und dabei ihre eigene, maßgeschneiderte Kombination von Funktionen und Komponenten zusammen mit anderen bekannten ERGO Produkten wie dem ERGO Reiseversicherungs-Portal nutzen, die alle im Jahr 2021 „karbonisiert“ werden.

Text: Juan Carlo Montoya Cardona, Senior Product Owner ET&S