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Web 3.0 – kommt das Ende des Mitmach-Web?

Am Anfang stand eine Ansammlung von zumeist statischen Websites, die lediglich zur Information dienten. Doch nach dem Social- und dem Mobile Web folgt nun das semantische Web, auch Web 3.0 genannt. Die neueste Version des Internets setzt auf Dezentralisierung und absolute Transparenz. Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Web 3.0 spielt die Blockchain-Technologie. „Sie ist das Grundkonzept für Web 3.0“, sagt Digitalisierungsexperte Professor Markus Haid im Interview mit //next. 

Digitalisierungsexperte Professor Markus Haid | (c) Prof. M. Haid

Nach Web 2.0 kommt – logisch: Web 3.0. Während die zweite Version des World Wide Web seit den 1990er Jahren auf das Miteinander der Nutzer in Sachen Kommunikation und Information setzt und die Anwendungen mobil nutzbar machte, steht in der neuesten Variante die Dezentralisierung im Vordergrund. Anstatt auf große Social-Media-Plattformen und weltweit agierende E-Commerce-Plattformen als Vermittler zwischen den Akteuren zu setzen, soll das Internet künftig dezentral organisiert werden. Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Web 3.0 spielt die Blockchain-Technologie. „Sie ist das Grundkonzept für Web 3.0“, sagt Digitalisierungsexperte Professor Markus Haid im Interview. 

2.0 oder 3.0 – der große Unterschied

Im Web 2.0 laufen sämtliche Informationen aus den Bereichen E-Commerce, Suchmaschinen, Social Media, Kommunikation oder Datenspeicherung auf einer begrenzten Zahl von Servern zusammen. Diese werden von wenigen, aber weltweit präsenten Unternehmen kontrolliert. Diese Konzentration birgt Risiken: Fällt einer der Superrechner aus, haben Nutzer keinen Zugriff mehr auf ihre Daten. Und was genau die Datenbank-Betreiber mit unseren Informationen machen, entzieht sich oftmals unserer Kenntnis.

Mit Web 3.0 soll dies nun anders werden: Die dezentralen Applikationen und Plattformen funktionieren auch ohne Dienstleister, die sich als Kontrollinstanz hervortun. Stattdessen verifizieren sich die Nutzer sowie ein Netzwerk unabhängiger Server und Rechner gegenseitig. Die Folge: mehr Transparenz über die gespeicherten Daten, eine größere Barrierefreiheit beim Zugang zum Web und folglich auch mehr Autonomie für jeden Einzelnen von uns.

Herr Haid, welche Rolle spielt die Blockchain-Technologie für Web 3.0?

Blockchain wird weitgehend als die Backbone-Technologie für Web 3.0 verstanden. Es trägt zur Dezentralisierung von Web-Plattformen und Service bei, sodass keine zentrale Instanz mehr benötigt wird, damit Transaktionen von Geld, Eigentumsrechten oder Informationen reibungslos funktioniert. 

Welche Chancen verbinden Sie mit Web 3.0?

Mit dem Web 3.0 haben wir die Möglichkeit, nachzuholen, was wir beim Web 2.0 nicht in die Realität umgesetzt haben: vollständige Transaktionen in Echtzeit, unabhängig von der tatsächlichen Entfernung der Nutzer. Dazu gehört für mich zum Beispiel auch die Einführung eines zukunftsfähigen, rein digitalen Bezahlsystems, das am Ende nicht wieder an die realen Finanzmärkte gekoppelt ist und sich zum Beispiel an der Entwicklung einer Währung oder am Goldpreis orientiert. Dann werden auch kleine, granulare Abrechnungen im Cent-Bereich möglich werden. Was bei Web 2.0 auch vernachlässigt wurde, ist die notwendige Transparenz über die verwendeten Daten – wem gehören sie und wie werden sie verwendet? Auch in diesem Punkt kann Web 3.0 Verbesserungen bringen.

Umgekehrt: Welche Risiken birgt Web 3.0 Ihrer Meinung nach?

Dezentral bedeutet nicht automatisch auch immer besser. Wir sollten uns schon überlegen, wie man auf einer vollkommen dezentralisierten Plattform sicherstellt, dass keine illegalen Waren oder Informationen den Besitzer wechseln. Am Ende wird entscheidend sein, dass der Nutzen, der mit der Dezentralisierung einhergeht, den Nutzen der herkömmlichen, zentral verwalteten Angebote, wie wir sie heute kennen, übersteigt.

Hat Web 3.0 derzeit schon eine Bedeutung für unseren Alltag?

Heute spielt Web 3.0 noch eine verschwindend geringe Rolle. Es hat das allgemeine Internet noch nicht erreicht. Dies zeigt auch eine Gegenüberstellung von Web 2.0-Apps und Web 3.0-Apps von Matteo Zago: Allein am Bekanntheitsgrad und der Zahl der Nutzer lässt sich ablesen, dass dezentrale Applikationen und Plattformen ihre Web-2.0-Konkurrenten bisher kaum herausfordern konnten. Es fehlt ihnen noch an Skalierbarkeit und an entsprechender Leistungsfähigkeit. 

Welche Anwendungen des Web 3.0 sehen Sie künftig?

Denkbar wären zum Beispiel dezentralisierte Identity-Management-Lösungen, die den Login via Google oder Facebook ersetzen. Oder soziale Netzwerke, die im Unterschied zu Facebook oder Twitter ohne die mächtigen werbetreibenden Intermediäre funktionieren. Oder die Möglichkeit, den Content Creator eines Angebots direkt mit Kryptowährungen zu belohnen, ohne dass große Konzerne davon ihre Provisionen einbehalten. Ich denke, zunächst wäre auch eine Adoption von dezentralisierten Funktionen durch zentralisierte Plattformen realistisch, beispielsweise die Integration von Kryptowährungen durch Paypal, Square oder Tesla. Grundsätzlich verschwimmt der Übergang von Web 2.0 zu Web 3.0. Eine eindeutige Abgrenzung wird schwierig sein.

Wenn Sie einen Blick in die Glaskugel wagen: Was kommt nach Web 3.0? Was wird die nächste große Veränderung des Internets bringen und das Web 4.0 begründen?

Wenn man die Hype-Welle reiten will, würde man antworten, dass VR beziehungsweise AR, Metaverse und Neurolink das Internet in Richtung Web 4.0 vorantreiben werden. Es würden virtuelle Welten als Treffpunkte für Freunde und Kollegen entstehen. Aber das ist zu wage, ich würde fast sagen unseriöses Bullshit-Bingo. Klar ist: Die Verschmelzung von Internet und der realen Welt wird auch in Zukunft weiter voranschreiten, etwa in Form von Augmented Reality oder von virtuellen Treffpunkten für Remote Worker. Es werden auch mehr Leute ihren Lebensunterhalt als Content Creator online aufbauen.

Mit der Blockchain ins Web 3.0?


Mehr zum Thema: Matteo Gianpietro Zago. „Why The Web 3.0 Matter and you should know about it“ https://medium.com/@matteozago/why-the-web-3-0-matters-and-you-should-know-about-it-a5851d63c949

Text: Susanne Widrat