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Versicherungsbranche – Liebe auf den zweiten Blick  

Tech-Enthusiast Markus Sekulla geht auf Tuchfühlung mit der Versicherungsbranche und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Er sagt: Ohne Innovationen, digitale Strategien und adäquate Reaktionen auf den Markt wird das in der Versicherungsbranche eher nichts mit „Zukunft“. Aber er sieht durchaus Grund zur Hoffnung! 

Smart Speaker

Kaum ein Berufsbild hat mit so vielen Vorurteilen zu kämpfen wie die der grauen Kostümträgerinnen und Krawattenträger in der Versicherungsbranche. Doch nicht nur das Äußere scheint in unseren Köpfen wie ein Überbleibsel aus dem 20sten Jahrhundert – auch die Branche selbst bewegt sich mit gefühlt 0 Innovationen und Zukunftsgewandtheit durch die von Start-ups und dem Silicon Valley geprägte Welt. Doch bevor ich weiterhin Stereotypen bemühe, schauen wir uns das alles mal von Nahem an. Dazu habe ich in den vergangenen Monaten bei ERGO die Gelegenheit bekommen.

Bevor ich das erste Mal durch die großen Glastüren spaziere, forste ich natürlich das Netz durch, um zu sehen, wie die Branche zurzeit aufgestellt ist. Schnell fällt mir ein Artikel aus dem Handelsblatt auf, in dem eine ZEB Studie zu folgendem düsteren Ergebnis kommt:

„Versicherungen kommen bei digitaler Transformation nur langsam voran“

Das dort gezeichnete Bild wäre mit dem Attribut „düster“ noch geschönt. Und dabei ist zumindest in meiner Bubble die Digitalisierung in aller Feder, und geltende Meinung ist: Wer heute nicht auf den ausfahrenden Digital-Zug aufspringt, um den ist es vielleicht morgen schon geschehen.

Aber vielleicht ist es ja nur ein einziger negativer Artikel?

Nein, eher nicht. Ebenfalls nicht zum Lachen: Eine aktuelle Studie der Boston Consulting Group, welche die 50 innovativsten Unternehmen der Welt beschreibt, zeigt: Kein einziges Versicherungsunternehmen ist in der Liste vertreten. 

Die Beweislage scheint eindeutig und hart. Mir reicht’s: Browser aus. Laptop zu. Selbst ein Bild machen. 

 

Morgens, 9 Uhr, an der Haltestelle

Ein Vorurteil stimmt schon mal: Steigt man morgens um 9 Uhr an der U-Bahn-Haltestelle Viktoriaplatz aus, an der die ERGO Zentrale in Düsseldorf liegt, sieht man deutlich mehr Sakkos und gute Schuhe als im Silicon Valley. Aber: Das ist in Mailand auch so – und da beschwert sich niemand. Die ersten Meetings bei ERGO verlaufen dann auch sehr positiv – und vor allem mit erstaunlich vielen Worten in meiner Sprache. Von Bots über KI und zu Versicherung von Pedelecs fühlen sich die Themen an wie ein Ausflug in meinen Feed Reader.

Jetzt bin ich spätestens verwirrt. Warum wird die digitale Transformation der Branche überall abgesprochen, aber hier gehen die Themen schon sehr in die Richtung „1 und 0“? 

Innovate or Die

Als ich vor einigen Jahren (2014/2015) in New York lebte, wurde dort gerade eine Versicherung groß, die mit witziger Werbung die U-Bahnen pflasterte. Deren Aussagen gingen in Richtung 

  • Arzttermine via App und Video,
  • für jeden Tag mit 10.000 Schritten jeweils ein Amazon-Guthaben von einem Dollar sowie
  • kostenfreie Fitness-Mitgliedschaften für Kunden. 

Wenig verwunderlich, dass sich vor allem junge New Yorker schnell für solche (InsureTech-)Start-ups zu interessieren begannen und ihre Versicherungen fortan bei den Oscars und Lemonades dieser Welt abschließen wollten. Jede große Versicherung wird diese Trends gesehen und sich gefragt haben, warum das bei ihnen nicht auch schon zum Programm gehört. Natürlich: Die USA und Deutschland sind immer ein unterschiedliches Pflaster, und in den USA ist generell mehr erlaubt als bei uns. Das kann man jetzt gut oder schlecht finden, aber das Treiben von Innovationen ist in den USA deutlich stärker in der Kultur verankert als bei uns.

Zurück ins Hier und Jetzt: Wir schreiben 2020, und COVID-19 hat auch in unsere Wohnzimmer Video-Arzttermine gebracht. Sagten 2019 erst zehn Prozent der Deutschen, dass sie schon mal einen Arzttermin via Video gemacht haben, waren es ein Jahr später schon drei Mal so viele. Die Pandemie hat die Digitalisierung nicht nur in diesem Bereich wie ein Dampfhammer zu uns gebracht.

Corona und meine ersten Tage bei ERGO bestätigen mir: Die Notwendigkeit zur Innovation ist erkannt. Das ist auch gut so, denn Konkurrenz kommt von allen Seiten. Es ist ein wenig so wie die Mineralwasser-Hersteller, die immer nur auf die Konkurrenz-Marken geschaut hat, bis jemand mit einer Gaskartusche um die Ecke kam.

Immer mehr kristallisiert sich für mich nicht nur in der Theorie raus: Ohne Innovationen, digitale Strategien und adäquate Reaktionen auf den Markt wird das in der Versicherungsbranche nichts mit „Zukunft“. Wir wissen ja, wie es den Videotheken mit Netflix oder nicht zuletzt der der Autobranche mit Tesla geht.

Gutes Stichwort: Tesla. Für die neue Fabrik in Brandenburg und die Verstärkung der Position in Deutschland suchte die Firma im Mai verstärkt auch Experten im Bereich Autoversicherung. In der Anzeige hieß es: „Bitte vergessen Sie, wie die Preisgestaltung bei Autoversicherungen über Jahrhunderte aussah“ oder auch  „[…] und dabei zu helfen, Preis-Verfahren für das 21. Jahrhundert zu entwickeln, maßgeschneidert für Tesla-Besitzer“.

Und es sind nicht nur die Teslas und Start-ups dieser Welt: Die Konkurrenz kommt von überall her. Ein prominentes Bsp: Amazon bietet Covid-19-Versicherungen in Indien an. Was für die Branche bleibt: Innovate or Die. 

Es tut sich was – und das muss es auch

Nach den ersten Wochen und den ersten kritischen Diskussionen darüber, was man denn unternehmen kann, um auch in der Zukunft am Versicherungs-Markt den Kunden ein guter Partner zu bleiben, wird mir klar: Durch meine Digitalisierungsbrille ging ich bislang stets davon aus, dass jede Person in Deutschland digitalere Lösungen braucht und vor allem: möchte. Klar, oft sparen diese Zeit. Doch nach wie vor sind die Anteile an Online-Abschlüssen gering, obwohl die Möglichkeiten da sind und stark durch Werbung und Websiteplatzierungen gepusht werden. Das liegt an uns Kunden. Wir bevorzugen laut der erwähnten ZEB-Studie nach wie vor den persönlichen Kontakt beim Abschluss von beratungsintensiven Versicherungen.

Meine Konklusion ist daher: Es sind nicht unbedingt die klassischen Versicherungsprodukte, die auf eine Online-Plattform gebracht werden müssen – sondern es müssen neue Produkte und Services angeboten werden, die über alles zum Thema Versicherung Gelernte hinweggehen. Auch die Gesetzeslage spielt hier eine Rolle. Telemedizin wäre ja schließlich schon seit 20 Jahren möglich gewesen. Theoretisch. Um all diese neuen Produkte und Services soll es hier auf //next gehen. Dabei sollen nicht die Produkte im Vordergrund stehen, sondern die Industrieentwicklungen im Bereich KI, E-Mobility, Bots und vielem Spannenden mehr.

Ich erinnere mich an ein Streitgespräch, das ich vor vielen Jahren in einer Kaffeeküche – in einer Technologie-Firma – mitgehört habe. Der Satz, der mir am meisten im Kopf geblieben ist, war der eines Mannes mittleren Alters, der beteuerte: „Ich habe vier Jahre an der Tür Versicherungen verkauft, mir kann niemand etwas vormachen!“ Vielleicht schreiben wir in das Zukunft eher so: „Ich habe vier Jahre im Netz Konsumenten 'Highly Customized Services' auf den Leib geschneidert, mir kann niemand etwas vormachen.“ In diesem Sinne, wir lesen uns!

Text: Markus Sekulla