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Der Anti-Flynn-Effekt: Macht Digitalisierung dumm?

„Fortschritt verdanken wir nicht Frühaufstehern, sondern faulen Menschen, die nach Wegen suchen, sich das Leben zu vereinfachen.“ Das sagte der amerikanische Science-Fiction-Autor Robert A. Heinlein. Ob das so stimmt oder nicht – Fakt ist, dass Digitalisierung oft zusammen mit Begriffen wie Kundenfokus und Customer Journey fällt, mit dem Bauen von Lösungen sehr nah am Menschen und um ihn herum. Aber führt Vereinfachung auch dazu, dass wir Fähigkeiten verlernen oder gar auf dem Weg zu digitaler Demenz sind? Macht Digitalisierung dumm? Darüber macht sich Mark Klein, Chief Digital Officer der ERGO Group, Gedanken in diesem Blog-Beitrag.

 

Wie sieht eine Schule im Silicon Valley aus, wie lernen die Kinder der Digitalpioniere, die Apple, Google und Microsoft erschaffen haben? Sind es digitale Tempel, virtuelle Lernwelten für die Erfinder von morgen? Nein, im Gegenteil. An der Canterbury Christian School in Los Altos etwa gibt es keine Computer, kein Echos, keine Lerndatenbanken. Die Schule arbeitet analog, mit Tafeln, Büchern und Unterricht im Klassenzimmer. Die Warteliste für die Aufnahme weiterer Schüler ist lang.

Mancher Kritiker sieht mit den Schulen der Tech-Kinder direkt den Kernbeweis erbracht: Digitalisierung macht dumm. Wie sollte es anders sein, wenn sogar die Erfinder des Digitalen ihre Kinder vor Bits und Bytes abschotten? Und ja, es stimmt, es gibt unzählige Probleme und sogar Schäden, die Digitalisierung bei Kindern – direkt oder indirekt – auslösen kann. So sind Kinder, die häufig digitale Medien konsumieren, nachweislich weniger aufmerksam. Das schadet dem Lernen, weil der Fokus auf das Wesentliche verloren geht und langanhaltende Aufgaben kognitiv schlechter bewältigt werden.

Kinder verlernen zudem soziale Achtsamkeit, das Benutzen ihrer Sinne und sind weniger körperlich aktiv. Und - schon Kinder sind immer häufiger kurzsichtig, weil der Augenmuskel nur noch auf kurze Entfernungen trainiert ist. In manchem asiatischen Land tragen zwei Drittel und mehr der Jugendlichen bereits eine Brille.

Also Hände weg von digitalen Endgeräten? Das wäre die logische Schlussfolgerung, aber so einfach ist es nicht.

Vom Flynn-Effekt zum Anti-Flynn-Effekt

Wir Menschen werden immer schlauer. Unser IQ ist im 20. Jahrhundert stetig angewachsen – auch Flynn-Effekt genannt. Unser Intelligenzquotient ist um 30 Punkte geklettert. Verantwortlich dafür sind nicht nur mehr Wissen und eine bessere Wissensverarbeitung, sondern auch eine bessere Ernährung, eine bessere medizinische Versorgung und bessere Bildungschancen.

In den 1970er Jahren aber kam es zum Anti-Flynn-Effekt: Unser IQ geht seitdem wieder zurück, wenn auch nur leicht. Wissenschaftler glauben, dass die schwindende Intelligenz – auch in den kommenden Jahren soll es so weitergehen – im modernen Lebensstil zu begründen ist. Neben Ernährung, Umweltfaktoren spiele auch eine veränderte Mediennutzung eine Rolle.

Eine der für mich spannendsten Erklärungen für den Flynn-Effekt ist, dass Intelligenz innerhalb einer Gesellschaft steigt, wenn Menschen voneinander abschauen, voneinander lernen, sich an Vorbildern orientieren. Das Kopieren vom anderen sei nützlich, der IQ wachse, wenn sich eine Gesellschaft gegenseitig brauche und dafür belohne. Meine Schlussfolgerung ist, dass digitale Medien leider das Zeug dazu haben, den Anti-Flynn-Effekt zu verstärken. Dumpfes berieseln lassen durch Spielen und Unterhaltung – immer und überall abrufbar – macht ganz sicher nicht schlauer.

Andererseits kann Digitalisierung aber auch zum Flynn-Effekt beitragen, weil die Möglichkeiten zum Abgucken viel größer geworden sind. Ted Talk & Co ermöglichen das permanente Lernen, Podcasts vermitteln Geschichtswissen und das Tutorial hilft beim Aufbau der Torwand. 

Das Use-it-or-lose-it-Prinzip

Wer wegen eines komplizierten Beinbruches schon einmal mehrere Wochen ans Bett gefesselt war, der kennt das: Muskeln können sich binnen weniger Wochen abbauen. Alles was man mühsam antrainiert hat, ist plötzlich weg. Unser Körper ist absolut effizient, was er nicht benötigt, das fährt er zurück. Bei unseren Gehirnzellen oder besser bei den Synapsen – den Verbindungen zwischen unseren Nervenzellen – ist das nicht anders.

Die Verbindungen entstehen oder verstärken sich nur, wenn wir sie ständig fordern. Sie schwächen sich ab oder verschwinden wieder, wenn wir sie nicht benötigen. Babys zum Beispiel kommen mit weit mehr Synapsen auf die Welt, als wir Erwachsene sie haben. Benötigen wir sie nicht, deaktiviert sie der Körper wieder. Oder kurz gesagt: der Mensch verlernt, was er nicht braucht. Die Mechanik dahinter wird auch Use-it-or-lose-it-Prinzip bezeichnet. 

Das Verlernen von Fähigkeiten ist erst einmal kein Umstand, den man der Digitalisierung in die Schuhe schieben kann. Aber die Digitalisierung trägt natürlich ihren Anteil dazu bei. Wer steuert heute noch mit der aufgeklappten Landkarte den Urlaubsort an?  Landkarten lesen können – muss man nicht mehr. Google Maps erledigt das.

Auch das Einparken können mit dem Auto ist bald nicht mehr nötig, immer mehr Bordcomputer übernehmen den Job. Das Wort in der Fremdsprache besser auswendig lernen, weil das ewige Blättern im Wörterbuch zu viel Zeit kostet? Auch das ist kein Argument mehr, seit Leo, Google, Translator und andere auf der Welt sind. Ja selbst an den nächsten Vorsorgetermin beim Zahnarzt erinnert der digitale Assistent und vereinbart bestenfalls die Zahnreinigung gleich mit. Der selbst eingetragene Termin im Kalender oder auch der Knoten im Taschentuch sind hinfällig geworden.

Ja, es stimmt – wir verlernen bestimmte Fähigkeiten, die uns die Technik abnimmt. Na und? Im Lauf der Evolution haben wir Menschen wahrscheinlich Tausende Fähigkeiten verlernt. Büffel mit einem Speer jagen, würde ich mir nicht mehr zutrauen. Oder Feuer machen ohne Streichholz, auch nicht. Alles verlernt, wir brauchen es einfach nicht mehr. Dafür stiften digitale Helfer an vielen Stellen zusätzlichen Nutzen. 

Neue Dimensionen mit Sprachlernprogrammen

Vokabeln lernen ist ein gutes Beispiel. Wer lernt, baut sich Eselsbrücken und hilft dem Gehirn, sich die Vokabel zu merken. Mit den digitalen Wörterbüchern, die das Übersetzen schon beim Schreiben anbieten, braucht man die Eselsbrücke nicht mehr, einerseits. Andererseits liefern digitale Sprachlernprogramme neue Lerndimensionen, die es vorher gar nicht gab. Man kann mit allen Sinnen lernen, weil das Programm mit Bildern, Video und Audio arbeitet und damit neue Eselsbrücken baut, mit denen man möglicherweise schneller Sprachen lernt.  

Zudem unterstützen die digitalen Lernhelfer all jene, die Bammel haben, im Klassenverband laut in schlechter Betonung zu sprechen und vor Mitlernenden Fehler zu machen. Mit dem Sprachlernprogramm erst einmal auf ein gewisses Level kommen – ich kann mir gut vorstellen, dass das die Motivation bei vielen steigert, sich mit Sprachen zu befassen.

Bei Google Maps bzw. dem Navi liegen die Dinge ein wenig anders. Google sagt, wo es lang geht, unser Gehirn schaltet in den Leerlauf. Mehrere Untersuchungen legen nahe, dass wir so aktiv unseren Orientierungssinn trockenlegen. Würde das Navi plötzlich den Dienst versagen, ständen wir ziemlich ratlos da. Sich orientieren können, ist eine Fähigkeit, die ich nicht dauerhaft der Elektronik überlassen möchte. Dafür muss ich nicht gleich die alte Landkarte auspacken. Aber ab und an das Navi ausschalten und sich versuchen zu orientieren, an markanten Bauwerken zum Beispiel, das trainiert den Orientierungssinn.

 

Wir brauchen Regeln – wie immer schon!

Das Vernachlässigen von Fähigkeiten hat es immer schon gegeben, das ist keine Erfindung des Digitalen. Jedoch machen es Smartphone und Tablet immer leichter, Dinge zu verlernen. Deshalb gilt eine fast schon archaische Regel für das Digitale umso mehr: Es braucht Regeln! Ich muss für mich und für meine Familie klären, wie weit das Smartphone zum digitalen Direktor werden soll.

Es liegt auf der Hand, dass wir an Intuition einbüßen, wenn wir ständig und überall auf Empfang sind, wenn wir den zwitschernden Vogel im Park nicht mehr hören, weil das zwitschernde „Ping“ unseres Smartphones mehr Belohnung verspricht – eine News, die weltbewegend sein könnte. Auch die Fähigkeit, gemeinsam mit anderen Menschen Konflikte zu lösen, nehme laut Forschern als Resultat des digitalen Abtauchens ab.

Digitales Detoxen war vor fünf Jahren vielleicht noch etwas für Esoteriker, inzwischen ist es in meiner Familie fester täglicher und jährlicher Bestandteil. Um Fähigkeiten, die wir beibehalten wollen, müssen wir uns kümmern. Unser Gehirn braucht stets und ständig Beschäftigung. Entziehen wir ihm die Arbeit, dann baut es ab. Darüber müssen wir uns im Klaren sein und das beim Einsatz digitaler Helfer immer mit bedenken. Eine Partie Doppelkopf im Familienkreis ohne Smartphone-Unterstützung wirkt Wunder. 

Jedoch ist nicht die Verbannung des Digitalen die Rezeptur, sondern ein intelligenter Umgang mit ihr. Das Internet eröffne eine „unermessliche Fülle an Anregungen“, sagt der Neuropsychologe Gerhard Roth – und ergänzt, dass "intelligenter Umgang mit digitalen Medien (…) einen enorm belebenden Effekt auf das Gehirn" haben könne. 

Im Übrigen sind wir Menschen extrem anpassungsfähig. Wir können verlorene Fähigkeiten immer wieder aktivieren. Wer in seiner Kindheit Tennis gespielt hat, der kann es nach Jahrzehnten wieder hervorholen. Das ist auch mit dem verlorenen Orientierungssinn so. Insofern, keine Angst, wenn das Handy auf der Fahrt mal keinen Empfang hat. Sie schaffen das!

Text: Mark Klein