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Reverse Carbon: „Wir verwandeln CO2 in Biokohle“

Reverse Carbon ist ein schwedisches Climate-Tech-Unternehmen, das die Entfernung von Kohlendioxid in Entwicklungsländern ermöglichen will. //next-Kolumnist Markus Sekulla sprach mit Jenny Fellenius, Mitgründerin von Reverse Carbon, darüber, wie das Start-up CO2 aus der Luft entfernt, es in Biokohle wandelt und damit gleichzeitig Entwicklungshilfe leistet. Das Interview ist Teil unserer neuen Green-Tech-Serie.

Aus Kohlenstoff wird Biokohle 

Markus: Hallo Jenny, ich freue mich, heute mit dir über euer Start-up Reverse Carbon zu sprechen. Bitte gib uns eine kurze Einführung: Wer seid ihr – und was macht Reverse Carbon?

Jenny: Wir sind ein schwedisches Climate-Tech-Unternehmen mit Sitz in Stockholm: gegründet von mir, Jenny Fellenius, und Kenneth Möllersten. Wir haben eine starke wissenschaftliche Grundlage, ein langjähriges Engagement in den Bereichen Kohlenstoffabbau und Nachhaltigkeitsmärkte sowie in der Entwicklung von Klimaprojekten in Entwicklungsländern. Unser Projektteam hat seinen Sitz in Nairobi, Kenia.

Wir entfernen Kohlenstoff aus der Luft und binden ihn mit Hilfe von Natur und Technik. Wir schaffen eine skalierbare Kohlendioxidbindung in Entwicklungsländern, die auf der Pyrolyse nachhaltiger agrarindustrieller Biomasserückstände basiert, wodurch Biokohle entsteht, die sehr widerstandsfähig ist. Wir binden den Kohlenstoff dauerhaft in tiefen Biokohlelagern in stillgelegten Bergbaugebieten.

Wir leisten dadurch einen Beitrag zu mehreren Nachhaltigkeitszielen, und als Teil des gesamten ökologischen Wiederherstellungsprozesses hilft die Biokohle bei der Sanierung kontaminierter Minenstandorte. Wir nennen es „The Good Carbon Removal Credit” – ein Kredit, auf den wir sehr stolz sind.

Beitrag zur Entwicklungshilfe 

Markus: Kurz gesagt, welches spezifische Problem löst ihr mit Reverse Carbon und wie?

Jenny: Wir verbinden eine dauerhafte Entfernung von CO2 (Carbon Dioxide Removal – CDR) mit einem Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung in Entwicklungsländern. Wir befassen uns mit dem dringenden Bedarf an einer skalierbaren Wertschöpfungskette für Biokohle und suchen nach einer Lösung für eine groß angelegte und kostengünstige Biokohleproduktion. Um Tonnen von CO2 nachhaltig aus der Luft ziehen zu können, lagern wir die Biokohle dauerhaft in stillgelegten Bergbauflächen und ökologischen Wiederherstellungsprojekten ein.


Die Welt ist jetzt bereit für Carbon Dioxide Removal

Markus: Kannst du den Moment beschreiben, in dem ihr wusstet, dass die Idee so großartig ist, dass ihr Entrepreneur werden und ein Unternehmen gründen müsst?

Jenny: Kenneth war einer der ersten auf der Welt, der vor 20 Jahren die Idee von CDR zur Erreichung ehrgeiziger Klimaziele hatte, aber damals war die Welt noch nicht bereit für CDR-Unternehmer...

Die Idee zur Gründung von Reverse Carbon kam auf, als die Länder der Welt 2015 das Pariser Abkommen verabschiedeten. Zum ersten Mal überhaupt hat die Welt ein Temperaturziel beschlossen – das sehr ehrgeizige 1,5-Grad-Ziel. Das Ziel erfordert riesige Mengen an CDR, und wir wussten, dass die Welt jetzt bereit war für CDR-Unternehmer. Es kommt nicht oft vor, dass ein Markt weltweit auf einen Schlag geschaffen wird.

Da wir so große Mengen an CO2 in relativ kurzer Zeit entfernen müssen, muss die Kohlenstoffabscheidung überall auf der Welt entwickelt werden. Die Entwicklungsländer sind noch nicht bereit für die technologisch fortschrittlicheren CDR-Methoden, die in den Industrieländern auf großes Interesse stoßen. In den Entwicklungsländern ist die Biokohle-Technologie die Lösung, die am schnellsten für eine dauerhafte Kohlenstoffabscheidung entwickelt werden kann. Für uns ist es selbstverständlich, dort anzufangen, da wir über langjährige Erfahrungen aus dem früheren Kohlenstoffmarkt verfügen, der sich auf Projekte in Entwicklungsländern konzentrierte.

Unterstützung in frühen Phasen ist wichtig für Start-ups

Markus: Was ist das größte Problem, mit dem Start-ups im Bereich Sustainable Tech konfrontiert sind?

Jenny: Es wird in meinen Augen zu viel Geld in die einzigartige und revolutionäre Idee gesteckt, die in der Zukunft Gigatonnen an Energie liefern kann, anstatt sich auf all die Lösungen zu konzentrieren, die bereits heute und in immer größerem Umfang zum Einsatz kommen können. Dann braucht es mehr geduldiges Risikokapital und auch finanzielle Unterstützung in frühen Phasen, die den Unternehmern mit sozialer Wirkung Zeit und Handlungsspielraum auf der Grundlage ihres Nachhaltigkeits-Know-hows geben.

Eine weitere Herausforderung ist, dass so viele Akteure völlig neu auf dem CDR-Markt sind. Dies führt dazu, dass die Akteure, die in den CDR-Markt eintreten, dazu neigen, sich gegenseitig zu folgen. Wir erleben eine Wissens-Gap, und der Weg zu Net-Zero ist schmal. So ist es zum Beispiel fast ein Hype geworden, ein +1000-Jahres-Kriterium für die Dauerhaftigkeit der Kohlendioxidbeseitigung aufzustellen. Natürlich ist es gut, eine lange Beseitigung sicherzustellen, aber es ist auch von entscheidender Bedeutung, Projekte zu entwickeln, die über Hunderte von Jahren funktionieren, da sie für die Bewältigung der großen Kohlendioxid-Entnahme in naher Zukunft absolut notwendig sein werden.

Technologie löst nur das Problem nur zum Teil

Markus: Was können deiner Meinung nach als Einzelpersonen und Gemeinschaften tun, um den Planeten zu retten? Und welche zukünftigen Herausforderungen müssen wir jetzt angehen, wenn wir im Bereich der Klimakrise arbeiten?

Jenny: Wir müssen akzeptieren, dass die Technologie nur einen Teil des Problems lösen kann. Selbst wenn wir daran arbeiten, die Klimaprobleme mit nachhaltigen technischen Lösungen zu lösen, werden wir die Klimakrise nicht lösen können, wenn wir nicht auch unser Verhalten ändern. Verhaltensänderungen sind etwas, das wir Menschen akzeptieren müssen. Das Bewusstsein für Verhaltensänderungen zu schärfen, ist für alle Gesellschaften wichtig.

Man kann damit beginnen, klüger zu konsumieren – wählt Unternehmen aus, die sich Net-Zero verschrieben haben aus und stärkt sie. Dazu sollte man jungen Menschen helfen, ein lebenslanges Verhaltensmuster zu entwickeln und sich bewusst zu machen, welche Entscheidungen die größten Auswirkungen haben.

Wichtigster Meilenstein im Jahr 2023

Markus: Jeder spricht über die „GreatResignation“ und wie schwierig es ist, Leute zu finden. Hat ein zweckorientiertes Start-up wie Reverse Carbon auch dieses Problem?

Jenny: Nein, nicht wirklich. Wir erfahren großes Interesse von vielen Menschen, die an funktionierende Lösungen für den Klimawandel glauben und die inspiriert sind, einen Beitrag zu leisten und etwas Sinnvolles zu tun. In unserem Fall tragen wir zu mehreren Nachhaltigkeitszielen in Entwicklungsländern bei, was für viele einen zusätzlichen Sinn ergibt.

Markus: Was ist euer wichtigster Meilenstein im Jahr 2023?

Jenny: Die Inbetriebnahme von Reverse Carbon Hub 1 in Kenia damit die Entfernung von jährlich 3000 Tonnen CO2 aus der Luft.

Markus: Liebe Jenny, vielen Dank für dieses Gespräch!


Unsere Green Tech Serie auf //next

Munich Re und ERGO fördern im Rahmen des Accelerators Climate-KIC derzeit fünf Start-ups, die im Bereich Carbon Removal tätig sind und dort einen wichtigen Beitrag gegen die Erderwärmung leisten. In einer Interviewreihe mit //next Kolumnist Markus Sekulla stellen wir die fünf jungen Unternehmen mit den großen Ambitionen in den kommenden Wochen vor: NeoCarbon, Reverse Carbon, Silicate, Treeconomy und Ucaneo Biotech.

Wer sich die Unternehmen schon einmal anschauen möchte – hier geht's zu den Websites:

https://www.ucaneo.com/

https://www.treeconomy.co/

https://www.silicatecarbon.com/

https://www.neocarbon.tech/

https://www.reversecarbon.com/

Informationen zum ClimAccelerator gibt es hier:

https://www.ergo.com/de/Microsites/tacklingclimatechange/Start/Climate 

Hier geht es zur englischen Version des Textes: Reverse Carbon: “We turn CO2 into biochar”