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Ucaneo: „Wir kehren den Klimawandel durch Biotechnologie um“

Um Treibhausgase aus der Atmosphäre zu ziehen, gibt es viele Ansätze, mit Direct Air Capture als den wohl größten und bekanntesten. Doch Start-ups haben viele weitere Möglichkeiten entwickelt. Wie zum Beispiel Ucaneo aus Berlin, die mit einer katalytischen Membran arbeiten. Da wollte unser //next Kolumnist Markus Sekulla natürlich mehr erfahren.

Ucaneo-Gründer Carla Glassl und Florian Tiller

Markus: Hi Florian, ich freue mich, heute mit dir über euer Start-up Ucaneo zu sprechen. Bitte gib uns eine kurze Einführung: Wer seid ihr – und was macht Ucaneo?

Florian: Hallo Markus, es ist schön, dich kennenzulernen. Ich bin Florian, Mitbegründer und CEO von Ucaneo. Bei Ucaneo entwickeln wir die weltweit erste Direct-Capture-Technologie, die auf der Kraft von Enzymen und Biologie basiert, mit der Mission, den Klimawandel umzukehren! Wir sind derzeit ein Team von sechs Personen aus verschiedenen Ländern und Disziplinen, die sich mit Molekularbiologie, Hardwaretechnik, Materialwissenschaft und Verfahrenstechnik beschäftigen. Wir arbeiten alle in Berlin in Büro und Labor. 

Markus: Kannst du den Moment beschreiben, in dem du wusstest, dass die Idee so großartig ist, dass du Unternehmer werden bzw. ein Unternehmen gründen musst?

Florian: Für Carla, meine Mitgründerin, und mich war klar, dass wir den Klimawandel bekämpfen wollen, indem wir unsere beiden Hintergründe nutzen. Ich selbst habe während meiner Zeit bei McKinsey mehrere Unternehmen in den Bereichen KI, Robotik und Nachhaltigkeit aufgebaut, während Carla viel Fachwissen in den Bereichen Biologie und Datenwissenschaft mitbringt, kombiniert mit der Erfahrung, wie man sehr wissenschaftliche Erkenntnisse in Produkte umsetzt.

Wir haben mit mehr als 50 Experten aus der ganzen Welt gesprochen, um unser technologisches Konzept zu entwickeln. Als wir es in unserem Labor ausprobierten und in nur 2 Monaten beweisen konnten, dass es auf molekularer Ebene funktioniert und unsere Erwartungen übertraf, beschlossen wir, gemeinsam ein Unternehmen zu gründen. Kurze Zeit später gründeten wir mit unseren privaten Ersparnissen eine GmbH.


Markus:
Welches konkrete Problem löst Ihr und wie?

Florian: Um die Netto-Null-Klimaziele der Welt zu erreichen, muss die Menschheit Milliarden von Tonnen CO2 direkt aus der Luft abscheiden. Das ist jedoch sehr schwierig, da die CO2-Konzentration in der Luft sehr niedrig ist. Natürliche Lösungen wie das Pflanzen von Bäumen sind wichtig, aber aufgrund ihrer Dauerhaftigkeit und des erforderlichen Flächenverbrauchs begrenzt. Chemische Lösungen, wie die derzeitigen Direct Air Capture-Technologien, sind teuer und schwer zu skalieren. Ihr Mechanismus funktioniert ähnlich wie bei einem Schwamm, der das gesamte CO2 aus der Luft aufsaugt. Damit dieser „Schwamm“ das abgeschiedene CO2 wieder freisetzen kann, sind hohe Temperaturen und ein energieintensives Vakuum erforderlich. 

Der Ansatz von Ucaneo enthält keinen „Schwamm“, sondern nutzt stattdessen eine katalytische Membran. Dies ist die weltweit erste biochemische Technologie zur direkten Abscheidung von Luft. Wir binden das CO2 nicht in der Atmosphäre, sondern konzentrieren es durch Konzentrationsgradienten in der Membran. Dadurch können wir erheblich Energie einsparen, indem wir z. B. die Reaktionstemperatur auf Raumtemperatur senken und damit die Kosten reduzieren. Wir planen den Bau dezentraler Einheiten in Containergröße, die sich leicht vergrößern lassen. Diese haben die geschätzte Kapazität, auf 15 m2 etwa die gleiche Menge CO2 abzuscheiden wie 35 000 Bäume.

Es gibt keine Einzellösung für den Klimawandel – wir brauchen sie alle

Markus: Hältst du es für möglich, dass wir in der Zukunft genug Treibhausgase einfangen können, um die Menge, die wir produzieren, auszugleichen?

Florian: Kurz gesagt, das hängt von der Menge an Kohlenstoff ab, die wir ausstoßen. Um in Zukunft die Netto-Null zu erreichen, wird Direct Air Capture (DAC) ein wesentlicher Pfeiler sein, und ich glaube, dass dies mit neuen innovativen Lösungen möglich sein wird. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keine Einzellösung für den Klimawandel – wir brauchen sie alle. Oberste Priorität hat die Verringerung der von uns ausgestoßenen CO2-Emissionen. Laut IPCC und anderen führenden Klimaexperten in der Welt werden wir Direct Air Capture und andere Technologien zur Entfernung von Kohlendioxid benötigen, um altes CO2 zu entfernen und Netto-Null zu erreichen. Außerdem wird es immer noch sehr schwer zu reduzierende Sektoren wie die Luftfahrt geben.    

Jeder kann an seinem oder ihren Energieverbrauch arbeiten

Markus: Was können deiner Meinung nach als Einzelpersonen und Gemeinschaften tun, um den Planeten zu retten? Und welche zukünftigen Herausforderungen müssen wir jetzt angehen, wenn wir im Bereich der Klimakrise arbeiten?

Florian: Das Konzept von DAC oder der Kohlenstoffentfernung im Allgemeinen besteht nicht darin, einfach weiter zu emittieren, und das Problem wird gelöst sein. Die Idee und die Notwendigkeit von DAC oder Kohlenstoffabbau besteht darin, Emissionen aus der Vergangenheit rückgängig zu machen, Emissionen, die wir nicht mehr vermeiden können. Deshalb ist es absolut wichtig, die Emissionen jetzt zu reduzieren. Natürlich kann jeder durch sein eigenes Handeln Emissionen einsparen. Aber es ist auch wichtig, diese Bedürfnisse und Meinungen zum Ausdruck zu bringen, um die Emissionsreduzierung auf der Agenda von Politikern und Wirtschaftsführern nach oben zu bringen und so eine noch größere Hebelwirkung zu erzielen.

Auch private Haushalte tragen stark zu den CO2-Emissionen bei. Jeder kann an seinem oder ihren Energieverbrauch arbeiten, zum Beispiel beim Heizen oder bei den Lebensmitteln, die wir essen. Als Gemeinschaften müssen wir mehr in erneuerbare Energien und neue Technologien zur Kohlenstoffabscheidung investieren, um diese rechtzeitig ausbauen zu können.

Nicht nur Spaß bei der Arbeit, sondern auch etwas bewirken

Markus: Jeder spricht über die „GreatResignation“ und wie schwierig es ist, Leute zu finden. Hat ein Purpose-orientiertes Start-up wie Ucaneo auch mit diesem Problem zu kämpfen?

Florian: Es ist wirklich schwer, gute Leute zu finden, vor allem, wenn man Mitarbeiter:innen mit einer wissenschaftlichen und unternehmerischen Denkweise sucht – jene, die den Status quo in Frage stellen, aber auch pragmatische Lösungen finden, die funktionieren. Wenn man diese Talente gefunden hat, muss man vor allem zuhören, was sie wollen und brauchen, um beruflich und persönlich zu wachsen. Ein junges Start-up kann oft keine wahnsinnig hohen Gehälter zahlen, bietet aber die Flexibilität, sich in einer persönlichen Routine und einem individuellen Karriereweg zu entfalten. Die Tatsache, dass man nicht nur Spaß an seiner Arbeit hat, sondern auch noch etwas bewirken kann, ist definitiv ein großer Bonus!

Glücklicherweise hatten wir bisher nicht allzu viele Schwierigkeiten, da wir unsere Mitarbeiter:innen mit unserer zielgerichteten Mission, der Freiheit und Flexibilität bei der Arbeit, unserem Team, aber auch mit einer fairen Bezahlung und kleinen Vergünstigungen überzeugen konnten. Ich denke, dass sich viele gute Leute in die Klimatechnik orientieren, was es einfacher macht, aber das Gesamtpaket muss noch stimmen. 

Wissenschaft ist die Voraussetzung für bahnbrechende Innovationen

Markus: Was ist das größte Problem, mit dem Start-ups im Bereich Sustainable Tech konfrontiert sind?

Florian: Die größten Probleme sind im Moment die Finanzierung und die Infrastruktur. Die Entwicklung von Hardware und Biotechnologie ist sehr kapitalintensiv. Man bewegt sich oft entlang der Grenze zwischen wissenschaftlichem und technischem Risiko. VCs finanzieren im Allgemeinen keine rein wissenschaftlichen Projekte. Die Wissenschaft ist jedoch die Voraussetzung für bahnbrechende Innovationen. Zuschüsse und mehr öffentliche Mittel sind der Schlüssel dazu, dass kleinere Unternehmen größere wissenschaftliche Risiken angehen können, aber sie sind mit einem enormen bürokratischen Aufwand und langen Fristen/Planungen verbunden, was bei Start-ups oft nicht möglich ist. Auch die Infrastruktur, wie zum Beispiel Laborflächen, ist in Berlin knapp, was die Sache nicht einfacher macht.

Ausblick

Markus: Was ist euer wichtigster Meilenstein im Jahr 2023?

Florian: Der Schritt vom Labor zur Maschine – der Bau eines funktionierenden Prototyps, der zeigt, dass unsere Technologie funktioniert und das Potenzial hat, sich zu vergrößern. 


Unsere Green-Tech-Serie auf //next

Munich Re und ERGO fördern im Rahmen des Accelerators Climate-KIC derzeit fünf Start-ups, die im Bereich Carbon Removal tätig sind und dort einen wichtigen Beitrag gegen die Erderwärmung leisten. In einer Interviewreihe mit //next Kolumnist Markus Sekulla stellen wir die fünf jungen Unternehmen mit den großen Ambitionen vor: NeoCarbon, Reverse Carbon, Silicate, Treeconomy und Ucaneo Biotech.

Wer sich die Unternehmen schon einmal anschauen möchte – hier geht's zu den Websites:

https://www.ucaneo.com/

https://www.treeconomy.co/

https://www.silicatecarbon.com/

https://www.neocarbon.tech/

https://www.reversecarbon.com/

Informationen zum ClimAccelerator gibt es hier:

https://www.ergo.com/de/Microsites/tacklingclimatechange/Start/Climate 

Hier geht es zur englischen Version des Textes: Ucaneo: “We reverse climate change through biotechnology“