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Treeconomy: Wälder und Wiederaufforstung investierbar machen

Das in London ansässige Start-up Treeconomy nutzt Technologie, um Naturwerte genauer zu bewerten und diesen Wert zu nutzen, um Finanzmittel für die Wiederherstellung und Regeneration natürlicher Ökosysteme bereitzustellen. //next-Kolumnist Markus Sekulla sprach mit Harry Grocott, CEO von Treeconomy, über deren datenbasierten Ansatz. Das Interview ist Teil unserer Green-Tech-Serie.

Die Gründer des Londoner Green-Tech-Start-ups treeconomy

Die Natur hat einen enormen inneren Wert

Markus: Hallo Harry, ich freue mich, heute mit dir über dein Start-up Treeconomy zu sprechen. Bitte gib uns eine kurze Einführung: Wer seid ihr, was macht Treeconomy, wie viele Leute arbeiten bei euch, und wo sind eure Mitarbeiter untergebracht?

Harry: Treeconomy ist ein Unternehmen, das die Natur wiederherstellt. Wir glauben, dass die Natur einen enormen inneren Wert hat, einen Wert, den wir derzeit weder berücksichtigen noch messen können. Wir setzen Technologie ein, um Naturwerte genauer zu bewerten und diesen Wert zu nutzen, um Finanzmittel in die Wiederherstellung und Regeneration natürlicher Ökosysteme zu lenken.

Derzeit liegt unser Schwerpunkt auf dem freiwilligen Kohlenstoffmarkt. Wir engagieren uns für die Schaffung von Wäldern, die Wiederbewaldung und die Wiederherstellung von Torfmooren und nutzen unsere Technologieplattform, um die genaue Menge an CO2 zu berechnen, die in diesen Ökosystemen entfernt und gespeichert wird. Wir bauen eine Datenplattform auf, die groß angelegte Investitionen in die Natur ermöglicht und durch diesen Prozess Emissionsgutschriften von Weltrang schaffen kann.

Unser Team besteht aus neun Vollzeitmitarbeitern und einigen hervorragenden Beratern. Unser Hauptsitz befindet sich in London, aber wir haben auch Mitarbeiter in Portugal, Spanien und Serbien. 

Existierender Markt für Kohlenstoffgutschriften

Markus: Kannst du den Moment beschreiben, in dem du wusstest, dass die Idee so großartig ist, dass du Unternehmer werden / ein Unternehmen gründen musst?

Harry: Rob – mein Mitgründer – und ich haben uns am Imperial College kennengelernt. Das Konzept für treeconomy hatten wir dort schon im Kopf, aber erst als wir eine Marktanalyse durchgeführt und das Ausmaß des Problems erkannt haben, wussten wir, dass wir handeln mussten. Wir haben beide klimarelevante Studiengänge studiert und kannten die wissenschaftliche Grundlage für die Kohlendioxid-Entfernung: dass wir derzeit jedes Jahr mehr als 50 Gt CO2 ausstoßen, dass wir diese Menge aber bis 2050 auf Netto-Null bringen müssen, um überhaupt eine Chance zu haben, die Pariser Ziele eines Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur um zwei Grad zu erreichen. Und wir müssen dies tun, während weiterhin fossile Brennstoffe verbrannt werden und sich überschüssiges CO2 in der Atmosphäre befinden wird.

Die Notwendigkeit der Kohlenstoffentfernung war also klar. Was aber wirklich schockierend war – und immer noch ist –, ist die Tatsache, dass wir weder eine genaue noch eine skalierbare Methode haben, um den in Waldökosystemen gespeicherten Kohlenstoff tatsächlich zu berechnen. Und das, obwohl Wälder die niedrig hängenden Früchte der Kohlenstoffentfernung sind und obwohl es bereits einen Markt (!) für diese Kohlenstoffgutschriften gibt. Wir konnten uns einfach keine Zukunft vorstellen, in der wir groß angelegte Aufforstungsprojekte ohne diese Methode zur Berechnung des Kohlenstoffs in der Natur durchführen könnten. 


Finanzierungslücke für die Wiederherstellung der Natur

Markus: Welches konkrete Problem löst treeconomy und wie?

Harry: Wir lösen das Problem der Naturdaten. Es gibt eine riesige Finanzierungslücke für die Wiederherstellung der Natur, und es gibt auch eine riesige Menge an “Dry Powder“ (Kapital, das darauf wartet, investiert zu werden). Unsere Technologie löst dieses Problem und macht die Natur investierbar.

Dabei verwenden wir einen datenbasierten Ansatz, wobei wir uns in erster Linie auf den Markt für Kohlenstoffabbau konzentrieren. Wir nutzen eine Kombination aus hochauflösender Satelliten- und Drohnentechnologie in Verbindung mit KI-Systemen, um den genauen Kohlenstoffgehalt von Wäldern zu berechnen. Mit diesen präzisen Daten können wir sowohl Investoren als auch Kohlenstoffkäufer bei Investitions- und Kaufentscheidungen unterstützen.

Kleine, aber wachsende Zahl von Green-Tech-Investoren

Markus: Was ist das größte Problem, mit dem Start-ups im Bereich Sustainable Tech konfrontiert sind?

Harry: Eines der größten Probleme ist der Aufbau eines wirklich wirkungsvollen Unternehmens innerhalb des Risikokapital-Ökosystems. Es gibt eine kleine, aber wachsende Zahl von Investoren, die verstehen, dass die wahre Chance in einer hybriden Online-Offline-Lösung liegt, aber viele, mit denen wir sprechen, wollen eine reine Tech-Lösung.

Wir können die Klimakrise nicht mit rein digitalen Lösungen beheben, aber das zwingt uns dazu, uns wirklich Gedanken darüber zu machen, wie wir unser Unternehmen gestalten und aufbauen. 

Jeder kann etwas bewirken

Markus: Was können deiner Meinung nach als Einzelpersonen und Gemeinschaften tun, um den Planeten zu retten? Und welche zukünftigen Herausforderungen müssen wir jetzt angehen, wenn wir im Bereich der Klimakrise arbeiten?

Harry: Ich denke, das Wichtigste, was wir tun können, ist, darüber zu reden und es im Bewusstsein zu halten. Im Grunde liegt es an uns Menschen, etwas zu verändern. Sei es in den Regierungen, in Unternehmen oder als Einzelpersonen. Wir alle haben eine Stimme und können durch unser Handeln und unsere Kaufentscheidungen etwas bewirken. Sozialer Druck ist unglaublich mächtig, das wird oft vergessen. Wir haben die Macht, wir sind das Problem, und wir können auch die Lösung sein. 

Wichtigster Meilenstein im Jahr 2023

Markus: Jeder spricht über die „GreatResignation“ und wie schwierig es ist, Leute zu finden. Hat ein zweckorientiertes Start-up wie treeconomy auch mit diesem Problem zu kämpfen?

Harry: Ich denke, für uns gilt das Gegenteil. Wir haben die Überzeugung, dass wir die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels abmildern und gleichzeitig die Natur schützen können. Ich denke, dass diese Überzeugung und die Dynamik eines Start-ups dazu führen, dass wir viele wirklich motivierte und talentierte Leute anziehen. Unser derzeitiges Team ist unglaublich talentiert, und wir bekommen immer noch viele Jobanfragen!

Markus: Was ist euer wichtigster Meilenstein im Jahr 2023?

Harry: Mehr Projekte. Wir haben eine Reihe von Projekten zur Wiederherstellung der Natur mit einer Gesamtsumme von 8+MtCO2e (8 Millionen Tonnen). Unser Plan ist es so viele dieser Projekte wie möglich auf den Weg bringen. Wir streben 1 Millionen Tonnen im Jahr 2023 an. 


Unsere Green-Tech-Serie auf //next

Munich Re und ERGO fördern im Rahmen des Accelerators Climate-KIC derzeit fünf Start-ups, die im Bereich Carbon Removal tätig sind und dort einen wichtigen Beitrag gegen die Erderwärmung leisten. In einer Interviewreihe mit //next Kolumnist Markus Sekulla stellen wir die fünf jungen Unternehmen mit den großen Ambitionen in den kommenden Wochen vor: NeoCarbon, Reverse Carbon, Silicate, Treeconomy und Ucaneo Biotech.

Wer sich die Unternehmen schon einmal anschauen möchte – hier geht's zu den Websites:

https://www.ucaneo.com/

https://www.treeconomy.co/

https://www.silicatecarbon.com/

https://www.neocarbon.tech/

https://www.reversecarbon.com/

Informationen zum ClimAccelerator gibt es hier:

https://www.ergo.com/de/Microsites/tacklingclimatechange/Start/Climate 

Hier geht es zur englischen Version des Textes: Treeconomy: Make forests and reforestation investable