KI & Robotics

„Neue Medien setzen neue Kräfte in der Kunst frei“ 

Nachdem der Text „KI in der Kunst: Wer ist der Künstler?“ vor einigen Wochen auf //next erschienen ist, haben wir Johannes Kasek, Kunstsachverständiger bei ERGO, gefragt, welche Meinung er als Experte zu diesem Thema hat. Er sagt: Viel interessanter als die Frage nach der Urheberschaft sei für ihn, warum Künstler KI in ihrer Kunst einsetzen – und was sie damit bewirken. 

Von Johannes Kasek, Underwriter Kunst- & Valorenversicherung bei ERGO

Wenn man „KI“ als eigenständige Produzenten betrachtet, dann sind die Werke, die geschaffen werden, zunächst einmal reine „Abbilder“. Diese beruhen auf durch Algorithmen nach Ähnlichkeiten und Regelmäßigkeiten gefilterten Fotos oder Bildern. Nur weil das Endergebnis dann wie ein Turner aussieht, ist es aber noch kein Turner. Es handelt sich bei dem Akt der KI um keine genuine Kreativität, bei der Einflüsse, wie etwa der kunsthistorische Diskurs oder das Leben des Künstlers frei verarbeitet und als Inspirationsquelle in den Werkprozess einfließen.

Zudem wird die KI nicht von alleine aktiv, sondern muss zumindest am Anfang von jemanden bedient werden. Der Erschaffer bleibt somit der Mensch beziehungsweise der Künstler dahinter, der die Maschine mit Informationen und Bildern speist. 

Künstlerische Produkte, aber keine Kunst

Meines Erachtens betrifft dies auch die Urheberschafft. Ob dies bei der rechtlichen Frage nach dem Urheber auch von Belang ist, sei dahingestellt. Ich glaube, der Einsatz von KI und Robotics in der Kunst als Produzent von eigenständigen Bildern ist daher eher ein Trend und baut auf dem Überraschungseffekt auf, dass die Werke so real „künstlerisch“ aussehen. Auch ein selbstlernendes System, das dies perfektionieren mag, macht die Produkte aber noch zu keiner Kunst.

Der ästhetische Diskus geht über die Betrachtung eines Abbildes hinaus. So hat die Definition von Kunst sich immer weiterentwickelt und dadurch erst den aktuellen Stellenwert erlangt - vom Handwerk, über religiöses Objekt, Dekoration, Abbild, hin zum Disegno des Künstlergenies und später der reinen Idee. Es ging dabei natürlich auch immer darum, die Funktion der Kunst in der Gesellschaft im Verhältnis zu neuen Medien zu rechtfertigen und zu definieren.

Walter Benjamin hat in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk in Zeiten seiner Reproduzierbarkeit“ postuliert, dass unter anderem durch die Drucktechnik und Fotografie das „Auratische“ am Kunstwerk verloren geht. So lässt sich bei einem Ölgemälde noch die Handschrift des Künstlers erkennen und ein erhabenes Gefühl der Einzigartigkeit wird evoziert. Der Geist des Künstlers ist scheinbar präsent. Dies ist aber eine sehr klassische Auffassung der Kunstrezeptzion und stark mit dem Begriff des Künstlergenies verbunden. Dieses Konstrukt findet sich auch in der Diskussion zur KI rückwärtsgerichtet wieder. Es ist kein Wunder, dass teils auch humanoide Roboter eingesetzt werden. Für den Betrachter wirkt der menschliche Roboter als Wunder, wie der selbst eigentlich leblose Roboter einem Werk Leben und somit dieses „Auratische“ einhaucht.

Warum setzen Künstler KI ein?  

Was viel interessanter ist, ist die Frage, warum Künstler KI in ihrer Kunst einsetzen und was sie damit bewirken. Die künstlerische Idee steht noch vor dem eigentlichen schaffenden Prozess und wird mit Hilfe eines Mediums umgesetzt. „KI“ ist daher eher auch ein Medium für den Künstler, um Kunst zu erschaffen, wie zum Beispiel auch ein Pinsel, Bleistift, Ton, Kamera, objet trouve etc. Das Medium hat aber immer auch eine direkte Auswirkung auf die Darstellung. Es ist ein Unterschied, ob ich einen Baum male oder fotografiere. Um auf Benjamin zurückzukommen, setzen neue Medien daher auch neue Kräfte frei und zeigen uns unsere bedingte und gefilterte Wahrnehmung der Realität.

Wenn man also die Theorie der künstlerischen Idee und des Mediums verbindet, dann sind das Spannende die Fragen über den Umgang mit Maschinen, die durch den Einsatz von KI in der künstlerischen Praxis aufgeworfen und sichtbar werden. Hieraus lassen sich auch jenseits der Kunst Rückschlüsse auf unseren Alltag oder die Arbeitswelt ziehen und wie KI unsere Wirklichkeit und Wahrnehmung mitgestaltet. 

Übrigens: Es gibt zu diesem Thema eine Doku auf 3sat. Sie bietet einen recht guten Einblick in das Gebiet und den daraus resultierenden Fragen:

https://www.3sat.de/kultur/kulturdoku/reload-fur-die-kunstwelt-100.html