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Frischer Wind in Meetings: Frei, mutig und klar denken

Warum nicht mal frischen Wind in die Meeting-Kultur bringen? In zwei Blogbeiträgen stellen wir je eine Methode vor, mit der das leicht gelingen wird. In diesem Beitrag von Julia Limmer geht es um „Thinking Environment.“ Hannes Kropf stellt in seinem Beitrag den bunten Methodenkoffer der „Liberating Structures“ vor.

Als ich das erste Mal die Worte „Thinking Environment“ gehört habe, konnte ich mir gar nichts darunter vorstellen. Auch durch die deutsche Übersetzung „Denkräume schaffen“ ist kein Bild in meinem Kopf entstanden. Erst das Erleben eines solchen Denkraums hat mich nachhaltig so begeistert, so dass ich mich tiefer mit dem Thema beschäftigt habe. 

Für mich ist die Idee und die Haltung hinter „Thinking Environment“ eine Orientierungshilfe im Miteinander. Es zeigt Ansätze auf, wie wir mit den Anforderungen, die die aktuellen Arbeitsbedingungen an uns stellen, umgehen können – mehr noch, wie wir zu neuen Gedanken und Ideen kommen. 


In komplexen Umgebungen braucht es vermehrt eine andere Art des Denkens: Es geht darum, weniger im Autopiloten Bestehendes zu reproduzieren, sondern frei, mutig und klar eigene Gedanken zu denken. 

Täglich befinden wir uns in vielen Besprechungen, in denen Entscheidungen gefragt sind, neue Ideen, Alternativen oder Lösungen gesucht werden. Dabei greifen wir bei unseren Überlegungen und Äußerungen häufig auf naheliegende Gedanken zurück. Wir haben das Gefühl, uns schnell äußern zu müssen, manchmal auch unsere Sprechzeit erkämpfen zu müssen, um nicht im Redefluss der Kollegin oder des Kollegen unterzugehen. Doch was macht dieses schnelle Denken und Sprechen mit der Qualität unserer Gedanken? Und welchen Einfluss hat die Qualität unserer Gedanken auf unser Handeln und unsere Entscheidungen und Ergebnisse?

Nancy Kline, Gründerin der Organisation „Time to Think“ und des „Thinking Environments“, beschäftigt sich seit den 70er Jahren mit den Themen Kommunikation und Denken. Sie hat zehn Komponenten zusammengetragen, die es uns ermöglichen einen Denkraum zu schaffen, in dem wir eigenständig und frei Denken können.  Eine zentrale Erfahrung ihrer Studien lautet: „Die Qualität all dessen, was wir tun und entscheiden, ist abhängig von der Qualität des vorangegangenen Denkens“ (Kline 2019, S.15). 

Doch begegnet uns dieser Denkraum in unserem Besprechungsalltag? In den Gesprächen mit anderen? Die Realität sieht wohl eher anders aus. Wir machen vieles gleichzeitig: Jedes Zeitfenster wird genutzt, um noch schnell ein paar E-Mails zu beantworten oder wir sind in Gedanken schon im nächsten Meeting. Unsere Aufmerksamkeit für das, was wir gerade tun, oder die Person, mit der wir in diesem Moment interagieren ist eingeschränkt. Wir sind mit unseren Gedanken woanders. Es entsteht ein Gefühl des Getrieben seins und das Wahrnehmen der eigenen Gedanken und Gefühle findet wenig statt. Die Qualität unseres Denkens wird dadurch eingeschränkt. Wirkliche Originalität im Denken, ganz eigenständige Gedanken, entstehen nur, wenn wir unsere Denkprozesse beobachten und sie uns ins Bewusstsein holen. 

Wie ermögliche ich originelle Gedanken?

Die von Nancy Kline beschriebenen Komponenten beschreiben in vielen Punkten vor allem unsere innere Haltung als Denkender und als Zuhörer. Ich möchte vier dieser Komponenten im Folgenden genauer beleuchten.

Kein Denkraum ohne Zuhörer (Aufmerksamkeit)

Zum Denken brauche ich einen Zuhörer! Wie bitte?! Genau, wer einen Denkraum schaffen möchte, der braucht einen aufmerksamen Zuhörer. Jemanden, der mir mit Interesse und einer Portion Neugierde beim lauten Denken folgt. Die Rolle des Zuhörers ist elementar im Thinking Environment: er hört zu, um bei dem anderen eigene, weiterführende Denkprozesse anzustoßen. Der Zuhörer unterbricht den Denkenden nicht, hält Momente der Stille aus und bewertet oder analysiert das Gesagte nicht bzw. reagiert darauf nicht. Unsere Gespräche sind ja eher geprägt davon, dass wir bereits bei dem kleinsten Stichwort unsere Gedanken zu einem Thema äußern. Wir bleiben auf unserem Standpunkt stehen, bewerten Gesagtes und tragen mit unseren Aussagen eher bekannte Gedanken vor. Vor allem introvertierte Menschen, die nicht sofort das Wort ergreifen in größeren Diskussionsrunden gehen mit ihren Gedanken oft unter und können so keinen Beitrag leisten, um das Thema voranzubringen. 

Auf Augenhöhe kommunizieren (Gleichheit)

Wie würde sich eine Besprechung verändern, wenn sich alle TeilnehmerInnen, unabhängig von Hierarchie und Rolle als gleichwertig denkende Personen sehen würden? Wenn jeder gleich viel Zeit zum Denken und Sprechen bekommen würde? Wenn es nicht darum geht, als Erster etwas zu sagen, sich durchzusetzen?

Es kehrt eine gewisse Ruhe ein. Jeder kommt zu Wort. Es werden Ansichten geäußert und gehört, die den Rest der Gruppe zu neuen Gedanken inspirieren. Es wird eine Vielzahl an unterschiedlichen (neuen) Gedanken möglich. Gleichheit bedeutet, den Raum zu geben, für unterschiedliche Perspektiven und vielleicht auch widersprüchliche Sichtweisen. Erst wenn all das seinen Platz gefunden hat, können zielführende Entscheidungen getroffen und Lösungen erarbeitet werden. 

Wer langsam geht, kommt schneller an (Gelassenheit)

Das Gefühl der Eile und Dringlichkeit durchdringt unseren Alltag und unsere Sprache: Wir müssen „noch schnell“ etwas erledigen oder „nur kurz“ einen Kollegen etwas fragen. Entstehende Freiräume füllen wir mit Dingen, die wir noch schnell erledigen können. Zeit, die frei ist von Eile und Dringlichkeit erleben wir selten. Um unsere Qualität des Denkens zu verbessern, brauchen wir aber genau solche Denkpausen. Dabei geht es nicht um zusätzliche Zeit, sondern darum, mit welcher inneren Haltung wir unsere Denkpause gestalten. In der Praxis bewährt es sich zum Beispiel, wenn alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Termins erst einmal „ankommen“ können. Hilfreich sind eine bis zwei Minuten der Stille zu Beginn eines Termins.

Ein Gefühl der Gelassenheit entsteht auch durch das Wissen, dass ich beim Denken nicht unterbrochen werde. Ich habe Zeit, meine Gedanken zu fassen und meinem eigenen Denkprozess zu folgen. 

Wertschätzung macht freies Denken erst möglich (Wertschätzung)

„Über welches Kompliment hast du dich in den letzten Tagen gefreut?“ oder „Welche Dinge geben uns im Projekt Hoffnung, auch wenn wir nicht im Zeitplan sind?“ – das können Einstiegsfragen in einem Denkraum sein. Was passiert bei der Beantwortung der Frage? Wir erweitern unser Bild der Realität um einen positiven Aspekt, indem wir bemerken und aussprechen, was gut ist. Dieser Zustand verbessert nachweislich die Qualität unseres Denkens.

Bei der vierten Komponente „Wertschätzung“ geht es außerdem darum, meiner Geprächspartnerin oder meinem Gesprächspartner Anerkennung für ihre/seine Fähigkeiten entgegenzubringen. Spannend ist, dass uns das auch möglich ist, wenn wir jemanden kaum kennen oder nicht besonders mögen. Die Wirkung einer ehrlich gemeinten Wertschätzung einer Qualität, die ich beim anderen wahrgenommen habe, ist sofort spürbar – es fühlt sich an wie eine warme Dusche. Die Stimmung ist positiv aufgeladen, entspannt und inspiriert zum Weiterdenken. 

Wie schaffe ich einen Denkraum im Berufsalltag?

Die Grundlagen für einen Denkraum lassen sich auf eine Vielzahl typischer Meeting Formate in unserem Büroalltag anwenden – auch im virtuellen Raum.

Probiert doch in eurer nächsten Teamrunde Folgendes aus und beobachtet die Veränderung:

  • Trefft ein paar Vereinbarungen im Team:

    Während des Termins werden keine E-Mails nebenbei gelesen.
    Alle Ablenkungen werden ausgeschaltet.
    Jeder kommt dran und darf sich zu einem Thema/einer Frage äußern.
    Keiner wird unterbrochen.
    Jeder hat ungefähr die gleiche Rededauer.
  • Jeder nimmt sich selbst vor, mit einer Haltung der Aufmerksamkeit, des Interesses und der Neugier zuzuhören.
  • Startet mit einem Moment der Stille (eine bis zwei Minuten), damit jeder die Zeit hat, in diesem Termin anzukommen und seine Aufmerksamkeit auf die Kolleginnen und Kollegen zu richten.
  • Beginnt mit einer Runde, in der ihr den Fokus auf etwas Positives legt.
     

Weitere Informationen zu dem Thema

Kline, Nancy (2019): Time to think: Zehn einfache Regeln für eigenständiges Denken und gelungene Kommunikation.

Miketta, Marion (2018): Denkräume schaffen in Coaching und Beratung.

Meet-up: Thinking Environment – Denkräume schaffen (Nürnberg, aktuell auch virtuell)

Text: Julia Limmer