New Mobility

„Ein schlaues Auto braucht eine schlaue Versicherung“

Wie dürfte die Mobilität der Zukunft aussehen – und wie wirken sich diese Trends auf die Assekuranz aus? Kaufen Verbraucher ihre Autos künftig lieber online? Und bis wann könnte autonomes Fahren Alltag werden? Karsten Crede, Chef von ERGO Mobility Solutions, schildert seine Sicht auf „New Mobility“ im Interview.

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Herr Crede, Sie sind verantwortlich für den Bereich ERGO Mobility Solutions (EMS). Womit beschäftigt sich EMS?

Grob gesagt arbeiten wir gemeinsam mit unseren Partnern aus der Autoindustrie an intelligenten Versicherungslösungen in den Bereichen Elektromobilität, Autonomes Fahren und Digitalisierung. Das Auto der Zukunft vereint diese drei Technologien zu einem Gesamtkunstwerk, das von einem Zentralcomputer unter Verwendung von Echtzeitdaten gesteuert wird. Man könnte deshalb auch sagen: Ein schlaues Auto braucht eine schlaue Versicherung. Um das zu erreichen, haben wir mit EMS eine spezialisierte Organisation aufgebaut, die sich neben den Versicherungsthemen auch mit den Spieleregeln und Veränderungen in der Autoindustrie auskennt. Mit innovativen Lösungen wie Abo-Modellen, in-car-solutions, also Versicherungen, die in der Autosoftware integriert sind, on-demand Angeboten und kombinierten Leasing/Versicherungslösungen konnten wir uns bereits erfolgreich als Partner von renommierten Autoherstellern wie BMW, Great Wall Motor und Volvo etablieren.

Inwiefern wirken sich die neuen Mobilitätstrends auf die Versicherungsbranche aus?

Der Charakter einer heutigen KFZ-Versicherung besteht in der Absicherung eines gut zu kalkulierenden Risikos. In der Regel werden privat genutzte Autos von ein bis zwei Personen gefahren, stehen 23 Stunden am Tag ungenutzt auf dem Parkplatz und verfügen nur über geringe Softwarefunktionen, die nichts mit dem direkten Betrieb des Fahrzeugs zu tun haben. Ein bis zweimal im Jahr steht ein Werkstattbesuch an und das Durchschnittsalter der Fahrzeuge liegt in Deutschland bei knapp zehn Jahren. Die allermeisten Unfälle beruhen auf menschlichem Versagen. Das wird sich grundsätzlich ändern. Der wesentliche Faktor für die Veränderung von Mobilität ist zunächst die Tatsache, dass zukünftige Autos eine neuartige Kombination aus Elektroantrieb, autonom fahrenden Komponenten und vielfältigen Services sind, die stetig „over-the-air“ Softwareaktualisierungen erhalten. Damit ändern sich die Risiken aus der Nutzung eines Fahrzeugs. Die Autohersteller können beispielsweise zusätzliche Assistenzsysteme oder auch die Motorleistung per Knopfdruck anpassen. Darauf müssen wir uns auf der Versicherungsseite einstellen und sicherstellen, dass wir die technologischen Veränderungen verstehen und in flexible, passgenaue Versicherungslösungen übersetzen. Besonders wichtig wird sein, die zentrale Software des Fahrzeugs, das Betriebssystem, zu verstehen, denn dort werden die relevanten Fahrzeug- und Fahrerdaten verarbeitet. Der individuelle Sicherheitsstatus in Form von Assistenzsystemen, autonomen Komponenten und Fahrprofil wird einen wesentlichen Einfluss auf die Risikosituation des Kunden haben.

 

Und wie wird die Zukunft der Mobilität aus Ihrer Sicht aussehen?

Individuelle Mobilität wird umweltfreundlicher werden müssen. Der weltweite CO2-Verbrauch geht zu 16 Prozent auf den Verkehrs- und Transportsektor zurück, 50 Prozent davon auf den Individualverkehr. Wir brauchen also schnellstmöglich einen hohen Anteil von Elektrofahrzeugen mit Strom aus erneuerbaren Energien und der dazugehörigen Ladeinfrastruktur. Ich bin zuversichtlich, dass wir jetzt zügig vorankommen und dass gerade auch die deutsche Autoindustrie mittlerweile ihre Hausaufgaben gemacht hat. Bei der Ladeinfrastruktur müssen wir allerdings noch deutlich schneller vorankommen. Mittelfristig, nach 2025, werden wir voraussichtlich die ersten Shuttleservices mit autonom fahrenden Fahrzeugen im Pilotbetrieb sehen. Trotz der hohen Komplexität bei Sensorik, Computern und Kameratechnik geht Volkswagen beispielsweise davon aus, dass von 2035 an rund 40 Prozent aller Fahrzeuge autonom fahren können. Auch in diesem Segment wird es spannend sein zu beobachten, welche Anbieter sich durchsetzen. Neben den traditionellen Autobauern müssen wir mit den großen amerikanischen und chinesischen Technologieunternehmen wie Apple, Waymo und Baidu rechnen. Noch zu kurz kommt aus meiner Sicht die Notwendigkeit, dass wir stärker über verkehrsträgerübergreifende Mobilitätskonzepte nachdenken müssen. Die sogenannten Nutzungsmuster insbesondere jüngerer Menschen im städtischen Umfeld zeigen, dass viele gerne eine Kombination aus temporärer Autonutzung, öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrrad und manchmal auch dem Flugzeug hätten. Dazu braucht es weiterführende Lösungen, die unter dem Stichwort Smart City diskutiert werden.

Worin liegen denn die Herausforderungen auf dem Weg in die neue Mobilitätswelt?  

Für alle Anbieter, die Hersteller, die Financial Services Einheiten, die Händler, die Softwarefirmen und auch die Versicherer, ist es eine enorme Herausforderung, mit den neuen Mobilitätskonzepten so schnell wie möglich Geld zu verdienen. Während enorme Investitionen in die Entwicklung neuer Konzepte und auch in die Infrastruktur nötig sind, gilt es, das heutige Geschäftsmodell auf maximale Effizienz zu trimmen, um die nötigen Investitionen zu finanzieren. Eine weitere gemeinsame Herausforderung sehe ich sowohl für die Auto- als auch für die Versicherungsindustrie im Umgang mit den Kunden. Wir müssen näher an den Kunden herankommen und seine Bedürfnisse besser verstehen. Es ist ein großer Unterschied, ob man über Kunden in der deutschen Provinz, an der US-Westküste oder in einer chinesischen Megacity spricht. Als internationaler Auto- oder Versicherungsplayer braucht man Antworten für alle Konstellationen. Für den technikaffinen chinesischen Kunden genauso, wie für den kritischen deutschen Kunden, der sich um die Sicherheit seiner Daten sorgt. Wir müssen uns auch darauf einstellen, dass Kunden Auto und Versicherung sowohl online als auch vom Handel beziehen wollen. Stichwort: ROPO, Research online, purchase offline. Allein jedenfalls schafft es kein Anbieter mehr, all diese Anforderungen zu erfüllen.


Wie wichtig sind Partnerschaften und Kooperationen für Sie auf dem Weg zu neuen Lösungen für die Mobilitätstrends der Zukunft?

Es kommt entscheidend darauf an, kluge und innovative Kooperationen zu entwickeln, die helfen, unser Ziel zu erreichen, ein sogenannter Ökosystemplayer im automobilen Versicherungsgeschäft zu werden. Der Begriff Ökosystem beschreibt eine Art Netzwerk von kooperierenden Partnern, die zusammen Top-Services gegenüber dem Kunden erbringen. Wir arbeiten beispielsweise in Deutschland mit BMW im Leasinggeschäft zusammen, nutzen dafür die Software unseres Partners SAP und kooperieren im Schadenmanagement mit der Innovation Group. Und das ist noch lange nicht alles. Wir haben eine strategische Kooperation und Entwicklungspartnerschaft mit unserem chinesischen Partner Great Wall Motor, die sowohl für den chinesischen, als auch den deutschen Markt geplant ist. Dort arbeiten wir u. a. an Erst- und Rückversicherungslösungen sowie an datengetriebenen Versicherungskonzepten. Nach meiner Einschätzung werden sich vor allem auch solche Unternehmen durchsetzen, denen es gelingt, aus den kulturellen Unterschieden zwischen Unternehmen und Ländern eine besondere Stärke und Leistungsfähigkeit zu entwickeln. Amerikanisches Unternehmertum mit deutscher Ingenieurskunst fällt mir da ein, oder die Nachhaltigkeit deutscher Versicherungsunternehmen wie ERGO gepaart mit dem Ehrgeiz unserer chinesischen Partner von Great Wall Motor.

An welchen Themen arbeiten Sie aktuell, was wollen Sie als nächstes vorantreiben?

Wir wollen mit unseren Produkten als Wegbereiter dazu beitragen, dass der Abschluss einer Versicherung in Zukunft viel schneller und auch einfacher gelingt. Es geht uns dabei auch um einen Wandel in der Beratung. 30 Fragen und ein dreistündiges Beratungsgespräch für den Verkauf einer Versicherung sind einfach zu viel. Das muss schneller gehen, und hier wollen wir als EMS mit unseren Produkten Vorreiter sein. Ziel muss es sein, einen Abschluss in idealerweise drei Minuten möglich zu machen. Dazu beitragen dürfte zukünftig auch der Onlinevertrieb. Das ist ein großer Wachstumsmarkt, gerade für den Bereich der Mobilitätsversicherungen. Darüber hinaus arbeiten wir daran, unsere technologische Kompetenz in den Kernfeldern Elektromobilität, Digitalisierung und Autonomes Fahren auszubauen. Wir wollen zukünftig beispielsweise Batteriegarantie-Versicherungen anbieten. Dazu reichen die Mittel der heutigen Versicherungstechnik nicht aus. Wir müssen u. a. in der Lage sein, Alterungsprozesse von Batterien zu antizipieren. Auch hier wird es ohne Kooperationen nicht gehen.

Welche Rolle spielt China im Bereich Zukunft der Mobilität und für EMS im Speziellen?

Wir sehen, dass China im Bereich der Mobilität allgemein, aber auch speziell im Elektromobilitätssektor, der größte und wichtigste Markt ist. Über die vergangenen Jahre hinweg wurden dort viele Kräfte gebündelt, etwa durch staatliche Subventionsprogramme, um die chinesische Autoindustrie fit für den globalen Wettbewerb zu machen. Hier zahlen sich für die Chinesen nun auch die vielen Joint-Ventures im Mobilitätsbereich aus, die über die vergangenen Jahrzehnte mit westlichen Unternehmen gegründet wurden. Dieses angeeignete Know-how in Kombination mit einer sehr innovationsfreundlichen Gesellschaft macht China zu einem interessanten Markt, um neue Mobilitätskonzepte in der Praxis zu beobachten und dadurch zu lernen. Von den Erfahrungen vor Ort können und wollen auch wir in Europa profitieren. Mit Great Wall Motor zum Beispiel haben wir 2019 ein erfolgreiches Gemeinschaftsunternehmen gegründet. Wir arbeiten mit unseren chinesischen Partnern laufend an neuen Mobilitätslösungen für den chinesischen Markt und wollen diese Erkenntnisse auch für andere Märkte nutzen.

Interview: Jan Fulle 

Passend dazu: „China rüstet bei E-Autos auf": Interview mit Karsten Crede (ab ca. 10min im Video)