Smart Data

Vogelstimmen per App erkennen

In der Ferienzeit sollten wir das Smartphone ruhig mal beiseite legen, findet unser Kolumnist Markus Sekulla, der auf //next ja ohnehin für mehr „digital detox“ eintritt. Eine Ausnahme sind für ihn Apps, die uns dabei helfen, die Pflanzen- und Tierwelt um uns herum besser kennenzulernen – gerade im Urlaub eine faszinierende Option. In diesem Beitrag nimmt Markus daher zwei Apps unter die Lupe, die wie eine Art „Shazam für Vogelstimmen“ funktionieren. 

Das Fenster in meinem Schlafzimmer liegt direkt an einem großen Innenhof. Im Sommer findet dort frühmorgens von 3:30 Uhr an ein Piep-, Zwitscher- und Pfeif-Konzert statt, das so laut ist, dass man Besuchern im benachbarten Gästezimmer immer ein paar Ohrstöpsel auf den Nachtisch legen muss. Dabei herrscht scheinbar Schichtbetrieb: Erst zwitschern die einen Künstler, dann piepsen die anderen. Und oft fragt man sich –wenn man schon wieder wach geworden ist –, welcher Vogel dort gerade eine Partnerin sucht oder welche Geheimnisse des Universums er mit seinen Artgenossen teilen will. Letzteres wird für uns Menschen vielleicht nie zu verstehen sein – doch um welche Spezies es sich bei diesem oder jenen Piepmatz handelt, das lässt sich inzwischen per App ergründen. 

"There's an App for that"

Sound aufnehmen und Vogelart bestimmen – alles das soll mit nur wenigen Klicks und kinderleicht ausführbar sein. Das ist zumindest das Versprechen der App-Hersteller. Aus der Vielzahl an Angeboten habe ich mir zunächst zwei Programme herausgesucht und getestet, nämlich „Vogelwelt“ von NABU und „Merlin Bird“. Zwei auf den ersten Blick sehr ähnliche Applikationen, die jedoch unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse von Hobby-Ornithologen erfüllen sollen. Ich bin gespannt!



„NABU Vogelwelt“ – die heimische Vogelwelt erkunden (iOS/Android)

Schauen wir uns zuerst die Offerte des hierzulande sehr bekannten Naturschutzbundes NABU an: In dessen App sind aktuell 308 Vogelarten hinterlegt. Eine Triade an nützlichen und gehaltvollen Features soll dafür sorgen, dass wir die Vögel mit nur wenigen Klicks bestimmen, vergleichen und melden können.

Wer die Gesänge in der App hören will und auf Videos und 3D-Bilder nicht verzichten will, muss einen kleinen Betrag bezahlen (1,99 Euro im Monat oder 9,99 Euro im Jahr), der zum Teil den Projekten des NABU zugute kommt.

Eine große Stärke der NABU-App sind dabei die Bestimmungstafeln und ausführlichen Artenportraits: Es wurde großen Wert darauf gelegt, die einzelnen Körperteile mit ihrem Bestimmungsmerkmalen zu definieren und zu erklären. Selbst einer Verwechslungsgefahr wurde vorgebeugt. Mit der integrierten Vergleichen-Funktion können Vogelinteressierte Unterschiede zwischen ähnlichen Arten kinderleicht erkennen und differenzieren, um so die Tiere exakt zu bestimmen. Natürlich kann man auch diese App ein wenig ärgern und so habe ich rausgefunden, dass unser Balkon-Eichhörnchen scheinbar größere Ähnlichkeit mit einer Elster, alternativ: mit einem Hausrotschwanz, einer Schnellente oder einer Moorente, hat:

Nobody's perfect: Bis auf kleinere Schwächen ist die NABU-App sehr genau bei der Bestimmung der heimischen Vogelarten.

Davon ab habe ich mit der NABU-App aber sehr gute Ergebnisse erzielen können: Sie ist sehr einfach zu bedienen, bietet ein Suchfeld für eine schnelle Suche nach einer bestimmten Vogelart und ist komplett in Deutsch gehalten. Und Nutzer beteiligen sich sogar noch am Artenschutz: Mit der Teilnahme an verschiedenen NABU-Aktionen erfassen nicht nur der Vogelliebhaber, sondern auch der NABU-Verein selbst, Trends zu den Beständen der einzelnen Vogelarten. Das kann helfen, um zurückgehende Bestände zu erkennen und nötige Schutzmaßnahmen mit auf den Weg zu bringen. 


„Merlin Bird ID“ – für den internationale Einsatz (iOS/Android)

Die große Stärke dieser App der Cornell University liegt in ihrer Internationalität: Während die NABU-App nur die heimischen Vögel abbildet, sind bei Merlin Bird ID mehr als 7.500 Arten hinterlegt. Für jede Region in der Welt muss der Nutzer allerdings das jeweilige „Bird ID Pack“ herunterladen. Das mag auf dem ersten Blick nach einem Nachteil klingen, aber die Vorteile liegen auf der Hand: Der Handyspeicher wird nicht unnötig belastet, und die Ladezeit-Performance beim Öffnen der App wird nicht beeinträchtigt. Ein bisschen also wie die Navigationsapps fürs Ausland, wenn man kein lokales Datenpaket hat.

Jedes „Bird ID Pack“ beinhaltet nicht nur Fotos, sondern auch Sounds, Karten mit Verbreitungsgebieten der Tiere und Erklärungstexte. Der Clou: Jedes Tier hat eine spezielle ID. Sobald der Nutzer eine Vogelart bestimmt, kann er die Vogelart zur „Merlin Life List“ hinzufügen.

Die App hat allerdings kleine Mankos: Während die Menüführung und die Erklärungstexte Deutsch sind, sind die Artennamen auf Englisch gehalten. Eine Vereinheitlichung für eine einfachere Bedienung und Bestimmung wäre wünschenswert. Eine ausführliche Bestimmungstafel und Vergleichsmöglichkeiten mit anderen, ähnlichen Arten existierten nicht.


Das Fazit

Ich weiß noch, wie sehr ich damals von meinem ersten Shazam-Erlebnis in einer Bar geflasht war: Das Konzept, mir mit einer bloßen Aufnahme den Gang zur Bedienung und die Nachfrage zu ersparen, welcher Song gerade gespielt wird, war einfach genial. Auch die Vogelstimmen-Erkennung ist klasse, denn seien wir ehrlich: Wer hat denn heute noch Ahnung von der Bestimmung von Vögeln, Bäumen, Pilzen oder ähnlichen Dingen in der Natur? Die beiden getesteten Apps haben mir zumindest schon mal die Amsel und den Haussperling nähergebracht. Ein guter Anfang, oder?

Text: Markus Sekulla