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„Effiziente Lieferketten werden einen großen Unterschied machen“

Nachhaltigkeit und Digitalisierung gehen Hand in Hand. Das steht für Tech-Experte Sascha Pallenberg fest. Im zweiten Teil seines //next-Gesprächs mit Markus Sekulla geht er bei den Hype-Themen künstliche Intelligenz (KI) und Blockchain in die Tiefe. 

Sascha Pallenberg Sascha Pallenberg

Hi Sascha, im ersten Teil unseres Interviews sind wir in den Zusammenhang von Digitalisierung und Nachhaltigkeit eingetaucht. Jetzt würde ich gerne mit dir über zwei Themen sprechen, die besonders häufig diskutiert werden, wenn es um zukunftsweisende Technologien geht: künstliche Intelligenz und Blockchain. Meine erste Frage ist daher: Welche Rolle können diese beiden Technologien beim Kampf gegen die Klimakrise spielen?

Es gibt eine ganze Reihe von Entwicklungen im Schnittbereich KI und Nachhaltigkeit. Wenn wir uns anschauen, wofür heute die meisten der Top-500-Super-Computer eingesetzt werden, dann hat das ganz viel mit Wetter-/Klimaberechnungen und mit den entsprechenden Prognosen zu tun. Dafür wurden eine Vielzahl von KIs entwickelt, um genaue Vorgaben machen zu können, die uns dann auch zeigen wie sich das Klima in der Zukunft entwickeln dürfte. Und das sieht zurzeit leider alles andere als rosig aus …


Lass uns doch bitte an einem Beispiel konkret werden ...

Gern: Das deutsche Startup gridX aus Aachen arbeitet an KI basierten smarten Charging-Stationen. Da sind wir auch wieder beim Mobility-Thema vom letzten Teil unseres Gesprächs. Hier gibt es riesige Potenziale zur Energieeinsparung. Das Konzept ist schnell umrissen: Wir haben eine Millionen Elektroautos auf unseren Straßen, und jedes davon verfügt im Schnitt über einen Akku mit 60 Kilowattstunden. Dann hast du 60 Millionen Kilowattstunden Batterie-Speicher auf unseren Straßen. Diese lassen sich natürlich nicht nur für die Autos selbst einsetzen. Wenn man das weiterspinnt, können diese Fahrzeuge auch Teil unserer Stromnetze werden. Dann stellt sich allerdings die Frage nach dem perfekten Ladezeitpunkt und der -menge. Oder ob ich von meinem Auto wieder Strom in mein eigenes Haus einspeisen kann. Solche lernenden und effizienzsteigernden Systeme dürften in Zukunft eine große Rolle spielen. In Tests mit Kooperationspartner E.ON hat gridX mit der KI zwischen 20 und 30 Prozent Effizienzgewinn verzeichnen können.  

Doch nicht nur Start-ups haben sich der Effizienzsteigerung verschrieben. Denn wir Einzelne verbrauchen zwar einiges in den eigenen vier Wänden, doch die großen Energiefresser sind und bleiben große Unternehmen, die zum Beispiel große Rechenzentren betreiben. Diese effizient zu kühlen und für Nutzer keine Nachteile entstehen zu lassen, ist eine Challenge, die Google mit DeepMind angegangen ist. Hier werden rund 40 Prozent Energie gespart.

Auch hier bei mir in Taiwan gibt es viele KI-Systeme, die etwa eine ressourcen-effiziente Verkehrssteuerung ermöglichen: Müllabfuhren, Ampelsyteme und öffentlicher Nahverkehr werden so konstant an aktuelle Gegebenheiten angepasst.

Darüber hinaus gibt es natürlich auch die Möglichkeit, mit Technologie Supply Chains oder ganze Wirtschaftszweige effizienter zu machen. Stichwort: Blockchain.


Klasse, das wäre mein nächstes Thema gewesen. Die Blockchain finden auch wir auf //next sehr spannend, da steckt eine Menge ungenutztes Potential. Wenn man in Medien über Blockchain liest, kommt man meistens nicht am Bitcoin vorbei, genau der ist aber laut Kritikern ein „Klimakiller“. Wie ist da deine Einschätzung?

Ja und ja. Lass uns bei der Blockchain anfangen: Effiziente Lieferketten werden wahnsinnige Unterschiede machen. Wenn wir die Möglichkeit haben, über die Blockchain sämtliche Produkte in einer Wirtschaft abzubilden – also alle Ressourcen und alle Produkte, die daraus entstehen und viele weitere Faktoren – dann werden andere Unternehmen die Möglichkeit haben (sofern diese Daten entsprechend offen zugänglich sind) zu sehen, wo sie mit ihren Produkten die Prozesse besser und effizienter machen können. Ebenfalls erkennbar würden dann die CO2-Emissionen des gesamten Kreislaufs. So wäre es dann möglich, die Lieferkette an einem Punkt zu verbessern, CO2 Emissionen einzusparen und somit die gesamte Wertschöpfungskette effizienter zu gestalten. Wichtig ist also hier, Daten transparent zur Verfügung zu stellen und diese dann – so schließt sich der Kreis – von einer KI auslesen zu lassen und so Potenziale für Effizienzsteigerungen zu identifizieren.

Nun zum Thema Bitcoin. In der Tat ein riesiger Klimakiller. Wer etwas anderes behauptet, hat wahrscheinlich Coins in der Wallet liegen und ein Interesse daran, dass der Kurs wieder steigt. Mal davon abgesehen, welcher Energieaufwand überhaupt in das Mining von Bitcoins oder in Transaktionen fließt: Es ist heute einfach nur eine Wette auf ein Zahlungsmittel der Zukunft, was aber aus meiner Sicht nicht kommen wird. Da kann Elon Musk noch so oft tweeten, ob er Teslas gegen Bitcoin verkauft oder nicht.


Eigentlich ist der Bitcoin ein Asset wie Gold. Und da geht ja auch niemand in die Bank oder ein Café und legt Goldbarren auf dem Tisch und sagt: „Ich hätte gerne einen doppelten Espresso, bitte“.  Dazu kommt, dass eine BTC-Transaktion ein paar Stunden dauert, weil deren Blockchain total ineffizient ist und es mittlerweile weitaus bessere – und nachhaltigere – Lösungen gibt: Ethereum, IOTA, Ada oder Cardano ist Bitcoin nicht mal in Welten, sondern in Galaxien an Effizienz und Skalierbarkeit unterlegen.

Die größte Frage ist ja immer noch: Warum müssen wir viele Millionen Megawatt im Jahr dafür aufwenden, Nullen und Einsen zusammenzutackern – und warum nehmen wir nicht einfach diese Energie, die in Bitcoin-Mining und Transaktionen geht, und speisen damit unsere Grids? Doch es geht um viel Geld, und es sagt viel über unsere gegenwärtige „Bullshit Economy“ aus. Nachhaltigkeitsgedanken sehe ich da keine. Da können noch so viele selbsternannten Investmentberater auf YouTube sagen, dass Bitcoin der große Treiber für die Energiewende wäre...

Vielen Dank, Sascha, für diesen Deep Dive zu KI und Blockchain. @All, im dritten Teil geht es dann um praktische Tipps für Technologien, die wir als einzelne schnell implementieren können, um ein nachhaltigeres Leben zu führen. 

Interview: Markus Sekulla